Lesung auf der Phantastika, Sonntag, 03.09.2017 v. 12.30 – 14.00 Uhr

 

Die Elektron-Saga – neue phantastische Science-Fiction aus dem Ruhrgebiet

Wie man beim Besuch der Website erkennt, verberge ich mich hinter dem Pseudonym Jott Fuchs. Dafür gibt es eine Erklärung, die sich – weitgehend heiter – um Mutter-Sohn-Projekte und den Schauspieler Michael J. Fox dreht. Der zivile Name ist Angelika Herzog. 1954 geboren, unternahm ich 1979 die ersten Schreibversuche. Unter anderem entstand damals bereits ein Vorläufer der Elektron-Saga. Von daher begleitet mich der Plot, ungefähr bis zur Mitte des zweiten Teils, schon sehr lange. Dem entsprechend reich gestaltet sich die Liste der Themen, die dort gestreift oder abgehandelt werden. Vor einem Monat erschien Band 4. „Landnahme“ ist das Finale der Saga. Dass die heutigen Textauszüge aus dem 1. Band stammen, erklärt sich daraus, dass wir uns noch kennenlernen müssen.

(ab hier Spoilerwarnung für Neuleser!)

Mit „Zeitenwende“ beginnt die Geschichte des Mädchens Vera Elz. Zunächst könnte die Ich-Erzählerin hier in unserer Mitte sitzen und würde nicht auffallen. Doch die Familie, in die meine Heldin hineingeboren wird, ist mehr als ein wenig seltsam. Der Zufall – oder die Winkelzüge höherer Mächte – fügen, dass sie sich in der Obhut ihrer exzentrischen Großmutter befindet, als die Welt, wie wir sie kennen, endet. Diese hat in einem Kellerversteck Vorräte angehäuft. Hier überleben sie, drei Jahreszeiten lang. Und hier hat Vera ihre erste Erfahrung mit Magie.

Oma ging den Feuerzauber mit mir durch, wohl zwanzig Mal und mehr. Ich lernte den Ablauf der Bewegung, doch der ersehnte Funke blieb aus. Frustriert starrte ich auf meine beiden ach so geschickten Hände.

„Ich bin sicher, du besitzt eine, wenn nicht mehrere Gaben, Schatz. Alles in deinem Horoskop weist darauf hin… Hab nur Geduld. Möglicherweise zeigen sie sich, wenn du erwachsen bist.“

Da hatte ich so meine Zweifel. Doch Michelle fuhr fort. „Natürlich wird immer mal wieder eine Generation übersprungen: an deiner Mutter ist leider nichts Besonderes.“

„Was ist mit meinem Vater?“

Sie sah ein wenig schuldbewusst drein. „Reinold aus Münster. Ein lieber Junge. Wir haben ihn aus den Augen verloren.“ Rasch lenkte sie ab. „Denk doch nur: zehn bis zwanzigtausend Jahre liegt unsere Verbindung mit den Neandertalern zurück. In einem Zeitfenster von zehntausend, so meint man, hatten sie Gelegenheit, sich mit unseren Cro-Magnon-Verwandten zu mischen. Nicht unproblematisch… die unterschiedlichen Schädelformen beider Spezies erhöhten das Geburtsrisiko ungemein. Ähnlich verhält es sich mit der Magie der Neandertaler: uns modernen Menschen mangelt es häufig am passenden Nervensystem. Leider eine Ursache für erbliche Geisteskrankheiten…“

Ich unterbrach die Lehrstunde. „Oma, nur weil du ein Kunststück beherrscht, glaube ich noch lange nicht an das Goldene Zeitalter.“

„Das ist schade, Kind.“ Sie behielt das letzte Wort.

Da wir auch Speisereste in unserem unsäglichen Abort verscharrten, blieben Mäuse nicht lange aus. Michelle kündigte an, „uns ein paar Katzen zu rufen.“

Ich weiß weder wann, noch wie sie das in die Tat umsetzte: doch am vierten Tag der Zeitenwende erwachte ich davon, dass mir ein fetter, dreifarbiger Glückskater die Fußsohlen leckte. Pünktlich zum Mittagstisch traf die hierzu passende Punklady ein, eine graue, nicht mehr ganz junge Kriegerin mit bis auf die Knorpel zerfetzten Ohren. Wir nannten die beiden Heloise und Abaelard, denn, wie Großmama sicheren Auges feststellte, war der Herr des Duos kastriert.

Morgen für Morgen nutzte Michelle das erste Licht, um Karten zu legen. Die Zukunftsschau bestimmte unsere Wege und Tätigkeiten minutiös. Irgendwann in der dritten Woche nach der Zeitenwende schien Großmutter jedoch nicht so recht durchzublicken. Lange noch blieb sie sitzen, über das Deck gebeugt, grübelnd.

Mich biss der Hafer. „Oma, hier kriecht ein Käfer über die Decke. Vielleicht kann der dir weiterhelfen?“

„Ja, danke, Vera“, sagte sie geistesabwesend und stand auf. Ich konnte es nicht fassen. Gemeinsam beobachteten wir das stumpfsinnige Insekt.

„Sieh nur, jetzt biegt er im rechten Winkel ab… Das ist es!“ Michelle war begeistert.

„Echt?“

Hastig kritzelte sie etwas über das Papier, strich es durch: „Au claire de la lune, mon ami Pierrot…“ Die Zungenspitze zwischen den Zähnen, buchstabierte sie die Umkehrung: „Tor Reip ima nom enul al ed erialc ua.“

Sie reichte mir den Zettel. „Mach dich damit vertraut, Vera.“

Auch an diesem Tag die Einzäunung nicht verlassen zu dürfen, machte mich halb wahnsinnig vor Wut. Großmutter lenkte die Emotion in nützliche Bahnen, in dem sie mich auf dem Gelände Brennnesseln sammeln ließ für „eine gute Suppe, sehr vitaminreich.“ Toll.

Mit Lederhandschuhen angetan, stöberte und hackte ich mich rund um die Kellerlöcher, bis ich Stimmen hörte, männliche und weibliche, vielleicht fünf.

Schon war Oma da, bedeutete mir, mich neben sie zu legen. „Tor Reip ima nom enul al ed erialc ua“, begann sie kaum hörbar zu murmeln. Sie stieß mich in die Seite, es ihr gleichzutun. Doch ich war viel zu neugierig.

„Hier muss irgendwo Wasser sein“, sagte Nr. 1 draußen vor dem Tor.

„So ein Quatsch, hier war noch nie irgendetwas, schon gar kein Bach.“

„Sonst hat es doch um diese Jahreszeit immer geregnet“, jammerte eine Frauenstimme. „Wir brauchen doch Wasser.“

„Wenn ich den Wahnsinnigen erwische, der die Leiche in unsere Zisterne geworfen hat“, fauchte Nr. 2.

„Drecksloch, diese Stadt. Ich will nicht an der Scheißerei verrecken.“ Eindeutig eine Frau.

Nr. 1 fuhr fort: „Ich schwöre, ich rieche hier Wasser…“

So nah am Abort, roch ich ganz andere Aromen. Teilweise kamen sie von jenseits des Zaunes. Nun nestelte ich doch den Zettel aus der Jeans und betete ebenfalls: „Tor Reip ima nom enul al ed erialc ua.“ Immer wieder, bis die Bande es dem Käfer gleichtat und im rechten Winkel abbog.

Wobei der Wortführer offensichtlich von Nr. 2 regelrecht vom Gelände gezerrt wurde. „Du hast deinen Verstand versoffen, Sven. Seit wann kann man Wasser riechen? Drecksloch, verdrecktes, ich hänge schon wieder in den Brombeeren.“

Michelle und ich fielen uns erleichtert in die Arme. Aufmerksam untersuchte sie meine Hände. „Spürst du irgendetwas, Vera?“

„Nö“, antwortete ich. „Nicht das Geringste.“

„Schade.“

Nicht lange nach der Magie, bekommt es Vera mit überlegener Technik zu tun. Seit jeher reizt mich dieses Zusammenspiel von Dingen, welche die meisten von uns unmöglich verstehen können. Was die Science-Fiction-Schiene der Elektron-Saga betrifft, beschränkt sie sich auf unsere Galaxis. Von einer einzigen überlegenen Spezies abgesehen, existieren hier keine Aliens. Ich denke mir den sog. Wintergarten, wie die Bezeichnung aus der Hochsprache lautet, von den Nachkommen der Ersten Menschheit besiedelt. Wie viele andere im Parlament der Welten vertretenen Kulturen, stammen auch wir zumindest teilweise von ihnen ab. Aber das Sol-System wurde noch zu Zeiten der Neandertaler mit einer Quarantäne belegt und dazu gab es damals gleich mehrere gute Gründe.

Als Maschinenstadt/ im Parlament vertretener Stadtstaat bildet Cendraka selbst eine Ausnahme. Bereits vor einigen Jahrhunderten als Hilfsprojekt für die letzten reinblütigen Ersten Menschen gegründet, beherbergte das Gemeinwesen niemals mehr oder weniger Einwohner als exakt 5003 Menschen. Jeder von ihnen war ein ausnehmend gut aussehender Klon, der niemals alterte, im 200. Lebensjahr jedoch still und heimlich ersetzt und recycelt wurde. Doch nun ist die ursprüngliche Zelldatei von der terranischen Krankheit befallen. Cendraka muss sich verändern, will es überleben.

So denkt auch Squsharamashmathi, ein vergnügungssüchtiger außerirdische Tourist. Gerne würde er sich zum Vizekönig des von ihm wiederentdeckten Elektron-Planeten Terra aufschwingen – und weiß auch schon, wie, jedoch nicht, wohin ihn dies führen wird. Im Zuge der Ereignisse wird Vera gefangen genommen – und natürlich gebe es hierüber viel zu berichten. Leider fehlt uns die Zeit.

Im Wissen, dass der Planet Sarn mehr verwandtes Leben beherbergt, wagt Vera Elz endlich die Flucht aus Cendraka. Sie versucht, sich in die bäuerliche Kultur der Sarnii zu integrieren – und stößt dabei auf weitere Geheimnisse, tiefere Verstrickungen.

Nach der Mahlzeit fragte mich mein Schwiegervater, ob ich Lust dazu hätte, ein Raumschiff zu sehen.

Hä?“, machte ich.

Der Khayn lächelte verschmitzt, führte mich dann in die Gruft seiner Ahnen. Schon damals wurden hier nur handverlesene Touristen eingelassen. Die Grabkammern zweigen von einem geraden, hohen Gang ab, dessen Wände über und über mit Reliefs versehen sind. Die ältesten Gräber finden sich gleich zu Beginn, geschmückt mit Darstellungen eines tropfenförmigen Schiffes.

Ich studierte sie, tief beeindruckt. „Seht nur, Sren“, sagte ich, auf eine mit Gold eingelegte Sonne deutend, die von sieben Planeten umkreist wurde. „Dies soll vermutlich das Herkunfts­system darstellen. Der Schiffsbug deutet auf den fünften, grün bemalten… wohl die Heimatwelt. Dann wäre das hier Lika, mit Sarn…“

„Wo das Schiff in Stücke zerbricht …“

„Was eigentlich nicht am Hyagansis-Effekt gelegen haben kann… es sei denn, Ziel der Mission wäre eine gelbe Sonne ohne Elektron gewesen. Wollte, ich wüsste die Unglücksursache. Immerhin erlitt wohl die Besatzung keinen größeren Schaden, geht man davon aus, dass die Striche dieser Kante der Anzahl von Überlebenden entspricht…“

„Möglich… Die andere Hälfte meiner Ahnen kann davon aber kaum begeistert gewesen sein“, meinte Sren.

„Was wollt Ihr: Geschichte.“

„Auch wieder wahr. Jedenfalls verfielen sie erstaunlich schnell der Primitivität… sieh dir nur die nächsten Gräber an: völlig schmucklose Löcher.“

„Und dann ging es aufwärts“, sagte ich, mit leuchtenden Augen meine Fackel schwenkend.

Nur ein toter Herr ist ein guter Herr und hier gab es wirklich eine Menge davon. Dazu noch eine Masse statuengeschmückter Sarkophage ihrer Frauen, Mätressen und Kinder, Lieblingssklaven und Peirin. Das Meiste erklärte sich von selbst. Waren die Darstellungen zu kryptisch, erläuterte mir Sren die Inschriften, beide Sorten, Linear I und II. Dabei rückte er irgendwie immer näher an mich heran. Langsam wurde mir seltsam zumute, so allein mit ihm im Schummrigen.

Trotzdem ist Vera fasziniert von der Gruft. Und sucht diese schließlich einmal zu viel auf:

Keinesfalls mit dem Gefühl, es sei sonderlich viel Zeit verstrichen, wählte ich von den vielen Ausgängen aus dem Saal einen engen, niedrigen, nur eine Kunststoffplatte mit Klinke – und fand mich übergangslos in der Gruft von Ielogrih Nadoem wieder, stehend im Gang vor dem Halbkreis. Als ich zurückblickte, war die Tür hinter mir verschwunden.

Verdammt dunkel dort, ich mochte das gar nicht. Ein einziger schwacher Schimmer ging von meiner linken Hand aus, gespeist aus der schmalen Narbe über dem Handballen. Irgendwie schaffte ich es zum Ausgang zurück, doch diesmal hieß es, die gesamte Distanz zu bewältigen. Die Augen all dieser Statuen längst verblichener Herren, Damen, Mätressen, Kinder, Lieblingssklaven und Peirin schienen mir aus dem Dunkel heraus zu folgen. Ein Knistern und Rauschen war um mich herum, wie Wind, der sich in Mauerritzen fängt. Schon wieder panisch, stürzte ich auf die Pforte zu. Sie war abgeschlossen.

Halb wahnsinnig vor Angst, stieß ich die Zauberformel aus. Das Gitter schwang auf. Während ich die Treppe hochstieg, beruhigte ich mich langsam. Auf der Höhe der Folterkammer waren Schaukästen und Hinweise verschwunden, was mich ziemlich wunderte. Die Bürofluchten der Denkmalsverwaltung wirkten wie ausgestorben… was für ein Wochentag war heute überhaupt?

Ob Squsharamashmathi noch lebte? Chenje würde ich vermutlich im Krankenzimmer finden – na, dem hatte ich Einiges zu erzählen. Würde er mir glauben… was ich selbst nicht fassen konnte?

Keuchend, zu Tode erschöpft, kroch ich aus dem Keller hoch, hinkte durch das Foyer. Nahm just die Freitreppe in Angriff, als mich meine Schwägerin erblickte. Sie begann zu schreien, schlug die Hände vors Gesicht. Rasch stürzten ihre Kinder herbei. Zu meiner Verblüffung lief das Jüngste mittlerweile. Auch die übrigen waren ein gutes Stück gewachsen. Wie ich als Nächstes erfuhr, hatte man mich für tot gehalten, ein zweites Opfer Peters. Die Nacht der Wunder war Vergangenheit – seit einem Jahr und einem Tag.

Dies kann naturgemäß nur ein kleiner Einblick in die Elektron-Saga sein. Veras Weg geht weiter – zu den Welten des Wintergarten, einer Vielfalt von menschlichen Kulturen – und führt am Ende ins Ruhrgebiet zurück. Ich hoffe, es ist mir gelungen, Sie darauf ein wenig neugierig zu machen.

Ich bedanke mich für die Aufmerksamkeit.

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