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Leseprobe 2022 – Nach der Corona Zwangspause

Die Elektron-Saga – phantastische Science-Fiction aus Deutschland

Es muss nicht immer Amerika sein. Das sagt sich auch Again, der vergnügungssüchtige außerirdische Tourist, der sich gerne zum Vizekönig des von ihm wiederentdeckten Elektron-Planeten Terra aufschwingen möchte – und er weiß auch schon, wie, jedoch nicht, wohin ihn dies führen wird. Denn die Erde wurde nicht umsonst schon zum Ende der hiesigen Steinzeit unter Quarantäne gestellt.

Und so beginnt meine Space Opera im Ruhrgebiet, wo sie auch mit dem vierten Band (erschienen 2020, pünktlich zu Corona) endet.

Der Anfangsplot der Geschichte, ungefähr bis zur Mitte des zweiten Teils, begleitet mich schon sehr lange. Da das Schreiben jedoch für die meisten von uns eine brotlose Kunst ist, hatte ich es mir bereits vor der Jahrtausendwende gänzlich abgewöhnt und mich lieber auf die Karriere bei der Ruhrkohle AG konzentriert. Irgendwann jedoch, anlässlich eines von mehreren Ein- oder Auszügen ins elterliche Haus, fand Medienfachmann Michael Herzog die alten Manuskripte und las sich fest.

Mittlerweile verrentet, hörte ich nicht ungern, dass man aus der alten Sache eigentlich unbedingt etwas machen solle, mit den Mitteln der heutigen Zeit. Michael, den SF-Fans teilweise noch als „den Duke“ kennen, wurde zum ersten Lektor der „Elektron-Saga“. Als Pseudonym wählten wir „Jott Fuchs“. Letztlich geht es ja – wie in dem Film „Zurück in die Zukunft“ mit Schauspieler Michael J. Fox – um ein Mutter-Sohn-Projekt.

5 Jahren lang befanden uns wir drei – Michael, meine Heldin Vera und ich, „im Clinch“. Gut, dass man so etwas nicht vorher weiß … Viele Lesewillige aus dem Bekanntenkreis hatten bereits ihren Senf beigetragen. Und ich hatte mich bemüht, es ihnen allen recht zu machen – ein unmögliches Unterfangen. Dass es dann doch noch zu einem Finale kam, welches mich als Autorin zufriedenstellte, verdankt sich den Bemühungen meiner Freundin Eva Ciesla. Michael verstand sich irgendwann nur noch als Verleger.

Was also umspannt der Handlungsbogen „Elektron-Saga“? Die Menschheitsgeschichte, allemal. Astrophysik, sowieso. Die enge Verwandtschaft, zugleich tödliche Feindschaft zwischen Technik und Magie. Des weiteren geht es um Mutationen, schlechte Angewohnheiten, die Zukunft und mögliche Utopien.

Unsere Galaxis, die im Buch gerne auch nach einer Übersetzung aus der Hochsprache „Wintergarten“ genannt wird, denke ich mir hierbei von den Nachkommen der Ersten Menschheit besiedelt, von denen auch wir zumindest teilweise abstammen. Etliche Kapitel widme ich dem Stadtstaat Cendraka – zu Beginn eine Utopie, in der es sich für die Bewohner ausgezeichnet leben lässt, wäre da nicht die Langeweile.

Um mein geschätztes Publikum zu unterhalten, lese ich ab Seite 127 des ersten Bandes, „Zeitenwende“. Vera unternimmt einem kleinen, dennoch äußerst aufschlussreichen Ausflug zum Parlament der Welten. Die Gelegenheit hierzu ergibt sich aus der Tatsache, dass auch die Cendraker untereinander Machtkämpfe auszufechten haben und gezwungen sind, sich ihrerseits an Regeln zu halten. Schauplatz ist die Abgeordneten-Kantine. Unsere Heldin sitzt hier mit ihrem Meister, den sie zu diesem Zeitpunkt noch ganz faszinierend findet – aber!

Der Programmwechsel weckte mich aus dem Traum. Der Bildschirm an der Wand vor unserem Tisch färbte sich plötzlich schwarz. Eine liegende goldene Acht erschien darauf, die Lemniskate, wie ich heute weiß, universelles Symbol für Unendlichkeit.

Letzter Aufruf für den Abgeordneten Cendrakas. Su-klick-hara-zisch-Knoten in die Zunge-mattati erscheinen Sie bitte umgehend im Sitzungssaal.“

Der Mann sprang auf. „Ständig durchkreuzt der Kerl meine Pläne! O Erster, sei verflucht!“ Schon drei Schritte vom Tisch entfernt, wies er mich an, dort sitzenzubleiben. „Rühre dich nicht, bis ich dich wieder abhole, log.“

*

Ich dachte nicht eine Sekunde daran, zu gehorchen. Es war zwar schade um die Köstlichkeiten auf dem Tablett, doch hier ging es um meine Freiheit… Sobald mir die Anwesenden ausreichend in die Parlamentsdebatte vertieft schienen, die man nun vorne auf dem Bildschirm zu übertragen begann, schob ich mit unbeteiligter Miene den Stuhl zurück. Stand auf und strebte, so selbstbewusst wie möglich, dem Ausgang zu.

Nicht nur einer, sondern gleich fünf Leute sprangen auf, um mir das zu verwehren.

„Das ist aber gar nicht nett, log. Wir haben doch alle den Befehl deines freundlichen Meisters gehört: Sitzenbleiben.“

„Kann euch doch egal sein, Leute“, versuchte ich es.

„Oh nein, durchaus nicht“, beteuerte eine ölige Blauhaut mit funkelnden schwarzen Augen. Irgendwie erschienen mir die Arme dieses Mannes verkürzt. „Cendraka ist einer unserer besten Kunden. Wir auf Uspud kümmern uns um Geschäftspartner… bewahren sie vor Verlusten.“ Ich fluchte im tiefsten Ruhrgebietsslang. Dann probierte ich es noch einmal: „Ihr guten Menschen glaubt doch nicht etwa, dass ich weglaufen will? Einen so charmanten Kerl als Gebieter finde ich doch nie wieder … ich muss nur zur Toilette. Brauche ich dafür eine Sondererlaubnis?“

Ein Schrank von einem Kerl, der auf einem Essener Boulevard keinerlei Aufsehen erregt hätte, wäre er nicht in eine Ganzkörper-Federboa gekleidet gewesen, drängte sich vor. „Bei uns auf Ondinee braucht ein Sklave sogar eine Lizenz zum Atemholen.“

Ich musterte ihn mit Abscheu. „Interessiert mich nicht, Arschgesicht.“

Plötzlich stand eine Dame im formellen rosa Hosenanzug neben mir. Das Gesicht zerknittert wie ein lieblicher Winterapfel, trug sie ihr schlohweißes Haar in alle vier Himmelsrichtungen geföhnt und toupiert.

„Meine Welt Tathcaer gilt als neutral, meine Liebe. Wenn du dich mir anvertrauen willst, bringe ich dich zur Toilette und wieder zurück.“

„Gerne.“

Enttäuschenderweise lagen die Sanitärräume gleich nebenan.

„Die paar Schritte finde ich allein zurück. Sie brauchen nicht zu warten, gute Frau.“

„Nein, nein, ich helfe dir gerne.“

Die Toiletten ähnelten Edelstahlfässern ohne Sitz. Ich machte ausgiebig davon Gebrauch. Lady Tathcaer wartete geduldig neben dem Handwaschbecken. Ich malte mir aus, wie es wäre, sie niederzuschlagen… Doch der Realitätssinn triumphierte. Ich befand mich auf einer Raumstation, oder zumindest etwas ähnlichem… Und die Fluchthelfer standen nicht gerade Schlange. Empörenderweise schien die Sklaverei in dieser Galaxis nicht geächtet zu sein. Selbst wenn es mir gelang, einen Transmitter zu passieren, mochte ich sehr wohl vom Regen in die Traufe gelangen.

Doch so leicht gebe ich nicht auf: „ Squsharamashmathi besitzt mich nicht rechtmäßig“, beteuerte ich in flehendem Ton. „Ich bin entführt worden.“

„Das mag sein, wie es will, meine Liebe. Ich kenne mich in diesen Sachen nicht aus, muss ich zugeben.“

„Aber kein Mensch kann doch einem anderen Menschen gehören.

Die Dame tätschelte mir das Haar. „Du solltest das mit deinem Herrn ausdiskutieren. Vielleicht kannst ihn ja bekehren?“

Schon betraten wir wieder die Abgeordnetenkantine. Mehr als einem der Anwesenden hätte ich gerne das Grinsen aus dem Gesicht geprügelt. Lady Tathcaer steuerte die Theke an, unterhielt sich flüsternd mit der Servicekraft. „Kann sein“, antwortete diese. „Einen Moment, ich sehe nach.“

Nach längerem Kramen tauchte die Kassiererin aus ihren Schränken wieder auf: in der Hand eine Kette mit zwei Schellen, diesmal offensichtlich Edelstahl.

„Nein“, bat ich. „Ist wirklich nicht nötig. Bitte!“

Lady Tathcaer meinte, es sei nur zu meinem Besten. Führte mich zum Tisch, auf dem noch das Tablett auf mich wartete. Kettete persönlich meine Füße an je ein Stuhlbein, bedankte sich dann für „die interessante Erfahrung. Ich wünsche dir wirklich alles Gute, Mädchen.“

*

An dieser Stelle sollte ich einen weiteren Begriff aus dem Cendrakischen erklären: Hyagansis. Ihn übersetzen sich Vera und Kollegen schlicht und einfach – in Elektron. Tatsächlich dreht dieser geheimnisvolle, einst tief in gelbe Sonnen plazierte Gegenstand wahrlich seine Pirouetten – fast seit ewigen Zeiten.

Gott, ich habe mich noch nie für Parlamentsdebatten interessiert. Hinzu kam, dass die Realitäten der Galaxis völlig hinter den Vorstellungen diverser Hollywood-Regisseure zurückblieben. Der auf dem Bildschirm eingeblendete Saal sah nicht nur klein aus, sondern schien in jeder Hinsicht unspektakulär: ein Goldfischglas, von innen betrachtet, schwarz gestrichen. Auf dem von rosafarbenen Stoppeln bewachsenen Rund standen gerade einmal fünfzig ergonomische Sessel in Doppelformation auf Lücke gruppiert. Dort flegelte sich auch shhikta und gähnte. Fast erwartete ich ein Winken.

Außen- und Innenkreis rotierten langsam um ein Rednerpult, über dem die Lemniskate schwebte. Der verrückte Professor in Grünsonderte dort gerade Weisheiten ab.

„Es bestehen aus medizinischer Sicht keinerlei Einwände dagegen, dem verspäteten Fürsorgeantrag Cendrakas über die Welt Terra zuzustimmen“, verstand ich zu meinem Entsetzen. „Die während der letzten Debatte vom dortigen Inneren Haus vorgelegten Daten erwiesen sich als stimmig bis ins Detail. Die Bewohner gehören zu einem rückständigen, für einen Zeitraum von mindestens zehntausend dortigen Umläufen von Rest der Galaxis isolierten Zweig der Menschheit. Alle sechs Versuchspersonen wiesen spontan mutierte DNS auf. Unter diesem Aspekt ist es nicht unrealistisch anzunehmen, dass auf dem Planeten tatsächlich nur vier Blutgruppen vorkommen. Wir müssen davon ausgehen, dass die Bevölkerung recht eng miteinander verwandt ist. Jede Möglichkeit eines raschen Aufstiegs zu Galaktikern ist deshalb kategorisch auszuschließen. Danke für die Aufmerksamkeit.“

Abgang des Kittelgnoms. Dafür erhob sich nun eine schillernde Gestalt aus einem der äußeren Sessel, strebte dem Pult zu.

„Der Abgeordnete von Gmtxt, Seine Majestät König Seikr XX.“, tönte eine seltsam leblose Stimme aus dem Off.

Gmtxt – ein ausgesprochen blöder Planetenname. Die ganze Figur schien mir dem Mittelalter entsprungen zu sein, was vermutlich an den bodenlangen Brokatroben lag. Ansonsten war er ein junger Mann, der nicht übel aussah. Klobige Diamantringe protzten an seinen Fingern.

Als er das Wort ergriff, erwies sich sein Dialekt als kaum verständlich. Rhetorisch konnte er leider auch nicht überzeugen. So mancher in der Kantine begann, mit den Tischgenossen zu quatschen.

„… ist Uns zu Ohren gekommen, dass dieses Terra keinem Hyagansis unterliegt.“

Ich verstand nur Bahnhof. Beugte mich, so gut es ging, zum Pärchen am Nebentisch und fragte höflich, was man sich unter einem Hyadingens vorzustellen habe. Der Mann ignorierte mich, die Dame kicherte. „Es stimmt, ihr seid ziemlich blöd…“

„Aber lernfähig“, fauchte ich. „Soviel habe ich nun wirklich kapiert, dass man uns unter Fürsorge stellt, damit wir unser Wissen erweitern.“

Zu meiner Verblüffung schwang sich der unmögliche Kerl mit der blauen Haut an meinen Tisch. „Hast völlig recht, Mädchen. Pass mal auf.“

Er nahm zwei Suppentassen vom Tablett. „Das sind jetzt mal zwei Sonnen… Ich hoffe, du weißt zumindest, dass alle Planeten eures System unaufhörlich darum kreisen?“

„Nö“, hätte ich am liebsten gesagt. „Komme von der Scheibe.“ Doch ich beherrschte mich und nickte, lieblich lächelnd.

„Gut, dann ist die hier jetzt meine – Uluberek – und die hier… “

„Sol“, antwortete ich.

„Sol, die kein Hyagansis trägt. Deshalb konntet ihr keine Technik entwickeln, genau wie die armen Typen von Gmtxt, denen jetzt offensichtlich der Arsch auf Grundeis geht, ob man sie nicht auch unter Fürsorge stellt.“

„Und, wird man?“

„Ach was“, lachte der Mann von Uspud. „Sind doch längst logges der Tiar, ohne es zu ahnen. Gmtxt war Sträflingsplanet des toten ollen Imperiums. Keiner weiß, was er im Parlament zu suchen hat … heißt bei uns nur die Diebeswelt. Die Gem können ihn nicht verlassen, bis auf ihren König. Guck ihn dir an, wie er dasteht und sich als Galaktiker bläht. Wenn das keine Lachnummer ist!“

Tiar, Herr?“ Ich mühte mich, die Quelle weiter anzuzapfen.

Klar, log. Weise und gütige Aliens, das sind sie. Die galaktische Menschheit verdankt ihnen alles, nicht zuletzt dieses Parlament. Schau mal, dein shhikta spricht dort gerade mit einem.“

Für meine Augen wurde Su, besser ich blieb bei seinem Spitznamen, Again, dort auf dem Bildschirm gerade von einem Gespenst heimgesucht: ein konischer Nebelschwaden, der das Rednerpult weit überragte. Sein Wabern schien hin und wieder im oberen Drittel ein menschliches Gesicht nachzuahmen. Und das war zornig…

Oha“, meinte Uspud. „Kleine Unstimmigkeit, eh? Möchte nicht in seiner Haut stecken.“

Der Mann vom Nebentisch mischte sich ein. „Irgendetwas ist an dieser ganzen Chose faul. Ich meine … man kann ja Welten, die keinem Hyagansis unterliegen, durchaus entdecken, mit viel Glück. Aber zurückkehren, um sich damit zu brüsten?“

Zurückkehren, um sie klammheimlich auszubeuten, wolltest du wohl sagen“, berichtigte die dazugehörige Dame.

„Richtig“, Uspud kratzte sich an der Stirn. „Jetzt, wo Sie das sagen … schon komisch.“

*

Auf dem Bildschirm schwebte eine halbe Armee der grässlichen Tiar ein, stellte sich hinter der letzten Stuhlreihe in Positur. Agains Widersacher ließ von ihm ab und materialisierte sich inmitten des Rednerpults, das seinen Dunst nicht völlig fasste. Dort erklärte er mit honigtriefender Stimme, wie sehr seine Nation davon enttäuscht wäre, weil es „Cendraka, welches wir immer nur gefördert haben“ dermaßen an Vertrauen mangele. Das verehrte Parlament möge einmal darüber nachdenken, warum die Sternenroute zum Planeten Terra nicht überliefert worden sei.

„Wir wissen, dass jenes System in der Vergangenheit schädlichen Einflüssen unterlag. Weder als gleichberechtigt noch unter Fürsorge sollte es in die Zivilisation des Wintergartens integriert werden. Je eher es wieder dem Vergessen anheim fällt, desto besser. Sollte Cendraka unserem Ratschlag folgen, darf es mit großzügigen Entschädigungen rechnen. Im Übrigen zählen wir auf den gesunden Menschenverstand der übrigen Abgeordneten. Ich bedanke mich für die Aufmerksamkeit.“

Sämtliche Tiar verschwanden auf einen Schlag und ließen das Parlament für den Moment paralysiert zurück. Kurze Zeit später setzten sowohl dort als auch hier in der Kantine erregte Diskussionen ein.

„Das haben sie doch noch nie gemacht!“

„Das dürfen wir uns nicht gefallen lassen… unsere inneren Angelegenheiten.“

„Soweit kommt es noch… stellt den Status der gesamten galaktischen Menschheit in Frage…“

„Wir lassen uns doch nicht von Aliens verdummen!“

Einfach nur verblüfft, sah ich der Aufregung um mich herum und auf dem Bildschirm zu. Dort schritt man nun offensichtlich zur Abstimmung. Vom Wahlgeheimnis hatten sie allerdings noch nichts gehört, wurde jedes Votum doch direkt auf dem Bildschirm eingeblendet.

„Ha, Gmtxt fürs Vergessen… von denen ist wirklich nix anderes zu erwarten. Alienknechte!“

Der Wintergarten – welch poetisches Bild doch die buchstabengetreue Übersetzung aus der Hochsprache für Galaxis ergab. Die Repräsentanten der Machtblöcke brauchten nicht lange, um sich zu entscheiden. Nur zehn Welten folgten dem Ratschlag der Tiar. Keine einzige sprach sich für die Gleichberechtigung Terras aus. Plötzlich erschienen mir die Fesseln, die meine Fußknöchel umspannten, ein gutes Stück enger zu werden.

Bei Vorbereitung dieser Leser habe ich keine Ahnung, ob ich sie wirklich halten werde und wieviel Zeit mir dafür bleibt. Darum wähle ich noch etwas aus dem 2. Band, „Interregnum“. Alle vier Bände sind ja lieferbar und es würde mich freuen, die Neugier darauf zu wecken. Die Titel findet ihr übrigens auf den ausgelegten Flyern, erhältlich sind sie sowohl als E-Book und Softcover, nicht nur bei amazon, sondern auch im Buchhandel zu bestellen.

Sobald wir den Rand der Klippen erreichten, erklärte meine Tochter Gianna die erste Stunde als verstrichen. Vermutlich kannte sie sich mit dem Stand der Sonne aus. Wie sie sagte, hieß das durchwanderte Hochland Laverna. Wenig einfallsreich, nannte die Gem so sämtliche Flecken ihrer Welt, die gerade mal nicht von Eis bedeckt waren: Lebensraum.

Keiner der Bewohner von Gmtxt konnte uns sagen, ob diese Hochebene zu einem Kontinent oder nur zu einer riesigen Insel gehört. In der südlichen Gegenrichtung jedenfalls, eine Tagesreise vom Palast entfernt, gehen die bewohnbaren Landstriche zunächst in Gletscher, später in Packeis über. Die geschlossene Decke begrenzt auch die Schifffahrtswege der Welt auf ein einziges Meer.“

Bald schon erblickte ich die See, tosend, mit Schaum gekrönt, von der Stelle aus, an welcher der Abstieg begann. Während wir halsbrecherische Serpentinen meisterten, kamen in der Tiefe erste Häuser in Sicht. Sonnenstrahlen brachen sich auf feuchten Dächern. Eine halbe Stunde später sah ich zum ersten Mal den Dwi-Fjord. Der Ozean Laverna speiste einen Arm, der tief in nadelspitze Klippen griff. Dieser lief in einen natürlichen Hafen aus, geformt wie ein Handteller. Fünf Wasserstraßen, Fingern äußerst ähnlich, folgten. Die Ausläufer der Diebeshand wiederum hießen, wie sie aussahen: kleiner Finger, Ring-, Mittel- und Zeigefinger.

Dahinter begann Dwinorayasnetha, Millionenstadt im Schatten.

Gianna deutete auf den Daumen, ganz am Ende: „Dort müssen wir hin.“

Um Einzelheiten zu erkennen, befanden wir uns noch zu hoch über der Stadt. In dem Maße, in dem wir uns näherten, wurden die tiefen Ausblicke seltener, die sich seit Beginn des Abstiegs hier und da zwischen den Klippen geöffnet hatten. In Fels gehauene Kehren und Treppen lösten sie ab. Bald schon ging es durch tiefe Schluchten. Fensterhöhlen begannen auf uns nieder zu starren. Die Soldaten, Giannas gekaufte Eskorte, wirkten plötzlich wachsam. Man lockerte die Bronzedolche im Gürtel und verstärkte den Griff um die Speerschäfte.

Auf Sarn hatte ich niemals Stiefel benötigt und so brannten mir bald schon die Füße. Doch um sie gegen die Halbschuhe im Bündel zu tauschen, war ich bereits zu müde. Meine Tochter kletterte und lief allerdings immer noch mit der Leichtigkeit einer Gämse.

So betraten wir die Stadt: Häuser, Straßen, Torbögen, Marktplätze. Dies alles wimmelte von Menschen. Trotz Erschöpfung fielen mir begehrlichen Blicke auf, die auf unsere Bündel fielen. Die Scheu der Passanten vor den Gardisten. Weil ich mich wunderte, dass keiner bettelte, fragte ich Gianna, ob der König für die Armen sorge.

In gewisser Weise“, meinte sie. „Zusammen mit den anderen Familien.“ Sie streifte mich mit einem Seitenblick. Mitleidig, wie wir in Cendraka die Eloi angesehen hatten.

Nicht der Augenblick, dieser Sache auf den Grund zu gehen“, dachte ich und beließ es dabei.

*

Nachdem wir mehr als zwei Stunden vorher vom Palast aufgebrochen waren, erreichten wir das Ziel am späten Nachmittag. Der Wind hatte aufgefrischt, die Temperaturen sanken stetig. Wir verharrten vor einem Tor, das sowohl bessere als auch schon bedeutend schlechtere Tage gesehen haben musste. Wie Gianna erzählte, hatte es fünfzig Jahre lang die Basis eines Schutthaufens gebildet. Davor und danach hütete es den Eingang zur Clan-Festung der Lytkrey. Bei der Wiedereinsetzung hatte das arme Ding zwar die notwendigsten Bohlen erhalten, doch für einen Anstrich langte es nicht mehr. Hier und da kündigten verwitterte Spuren in Rot und Gelb von der Vergangenheit. Bänder in diesen beiden Farben, auch sie schon leicht verblasst, wehten an den Speeren der Wachen.

Sobald die schartige Mauer in Sicht gekommen war, hatte sich Gianna von den Gardisten verabschiedet. Bei der Gelegenheit händigte sie ihnen die zweite Rate ihres Solds aus: entweder waren Menschenleben kostbar auf Gmtxt oder das Silber stand nicht sehr hoch im Kurs. Die Schwarzgekleideten verschwanden zügig. Wir näherten uns dem Tor. Sobald sie außer Hörweite waren, schnarrte die linke Wache: „Parole!“

„Den of thieves“, antwortete Gianna. Ihr Englisch wies einen grässlichen Akzent auf, doch man ließ uns hinein. Ich bedanke mich für die Aufmerksamkeit.

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