Zu Elektron-Saga1: Die Cendraka-Erklärung

Vorstehende Zeilen sind für die Allgemeinheit – ich verstehe sie als meinen Beitrag zum Thema „Utopie“. Nur keine Scheu, ich bin gespannt auf Eure Meinung.

Alles begann mit Armötorial Nr. 21, Armin Möhle (mein FAN-Beitrag März 2016)

Höre ich da milden Tadel? Auch wenn ich Henning Mankells Werk nicht mag, achte ich ihn als Mensch doch sehr. Wenn du eben keinen Nachruf auf ihn verfasst hast, wirst du den Grund dazu am besten selber wissen. Ich jedenfalls wurde von meinem Redakteur (BWA, Uwe Lammers) gebeten, für Tanith Lee einige Zeilen zusammen zu tragen. Da niemand anderer dazu bereit war, habe ich das so gut erledigt, wie ich vermochte. Es wurde sogar eines ihrer Bücher besorgt für einen weiteren Artikel. In FAN112 siehst du die beiden zusammen gefasst.

Schon richtig, Taniths Utopie „4-Bee“ hat meine als „Cendraka“ betitelte in keiner Weise beeinflusst. Deshalb ging es im Beitrag auch um eine reine Gegenüberstellung – denn in verblüffender Weise trifft für sie beide die Bezeichnung „Maschinenstadt“ zu. Das fand ich schon sehr interessant.

Saga 3 Kopie

Dies ist natürlich nicht der Planet Sarn, sondern Gmtxt mit seinen beiden Begleitern. Im Hintergrund Schloss Rinfizz (Band 3)

Die Frage, was Cendraka für die Elektron-Saga bedeutet, eignet sich zur Steilvorlage. Möglicherweise wird sie sogar in der Inhaltsangabe zu kurz abgehandelt, finde ich doch dort nur: „Vor Veras entsetzten Augen entfaltet sich die Kultur der Cendraker in aller Eigenartigkeit. Einst durch eine Rettungsaktion der rätselhaften Tiar begründet, funktionierte die „Maschinenstadt“ bis zur Ankunft der ersten gefangenen Terraner als in sich geschlossenes System. Die Leiden der Neulinge setzen einen Kulturtransfer in Gang… Zunächst von ihnen selbst unbemerkt, verhalten sich die ewigjungen Cendraker immer menschlicher – nicht immer zum eigenen Vorteil.“

Vera bringt dort 15 Jahre zu – wobei ich gewollt schwammig bleibe, wie kurz oder lang diese im Vergleich zu Erdenjahren sind. Möglichkeiten fehlen, die beiden zu vergleichen, die Entführer schweigen sich darüber aus, niemand altert und Schwangerschaften sind ausgeschlossen. Auch spielen von den 9 Kapiteln des Buches 5 allein in Cendraka, was eine Zusammenfassung erschwert.

Holen wir also weit aus: die Grundidee der Elektron-Saga behauptet, dass die gesamte Milchstraße einst von einer humanoiden Spezies namens „Erste Menschheit“ besiedelt war. Die Blütezeit dieses Imperiums endete mit einer Katastrophe. Die kurzlebige blaue Sonne des Heimatsystems wurde zur Supernova, die Wurmlochrouten zu den Kolonien brachen zusammen und für mehr als tausend Jahre waren die ehemaligen Kolonien auf sich allein gestellt. Trotzdem fanden die gottähnlichen Wissenschaftler der Alten eine Möglichkeit – getarnt als Aliens namens Tiar – weiter zu existieren, in gewisser Weise gegenüber den von einst beherrschen Planeten doppeltes Spiel zu treiben.

Nach all der Zeit ein verirrtes Generationenschiff mit 500 ihrer reinblütigen Nachkommen zu entdecken, begeisterte sie natürlich völlig. Diese jedoch waren nicht nur halb verhungert und arg strahlengeschädigt. Sie hatten auch eine merkwürdige Gesellschaftsform entwickelt, die auf ritualisierter Sexualität inklusive gelegentlichem Kannibalismus beruhte. Trotzdem veranlassten die Tiar das Parlament der Welten, für sie eine künstliche Stadt in der endlosen Wüste des Planeten Sarn zu errichten – eben CENDRAKA. Bis verschleppte Terraner in die Handlung eintreten, existiert der Ort etliche Jahrhunderte lang.

Ansonsten ist er weder sonderlich groß, noch beeindruckend, beträgt die Zahl der Cendraker (bedingt durch Klonung, verbunden mit Lebensbegrenzung auf 200 Jahre) stets genau 5003. Sobald sie schlafen, verbinden sie sich mit der Stadt, werden auf diese Weise künstlich ernährt. Sämtliche Körperflüssigkeiten bleiben im Kreislauf, finden weitere Verwertung. Zu der Zeit, da Vera als Sklavin Rhy dort um ihr Überleben ringt, ändert sich dies. Cendraka gerät in eine regelrechte Schuldenfalle… doch anstatt zu sparen, verbrauchen die priviligierten Bewohner immer mehr der aus Pilzen hergestellten Drogen des Planeten Ondinee, hauptsächlich Salbenform. Soll und Haben zu unterscheiden, fällt ihnen schwer – das Konzept ist allzu neu.

Jetzt hast du natürlich immer noch keine rechte Vorstellung, denke ich. Darum schließe ich nun ein längeres Zitat aus „Band 1, Zeitenwende, Kapitel 4: Kinder der Stadt an. Ich hoffe, es gefällt!

Peter fand tatsächlich eine Freundin, irgendwo am anderen Ende der Stadt. Eine Perserin namens Soraya – ich habe das Goldstück nie zu Gesicht bekommen.

„Hilf mir, die Sache geheim zu halten, Vera“, bat mein Haushofmeister. „Falls shhikta (cendrakisch für „Herr“, Anmerkung) davon erfährt, ruht und rastet er nicht, bis er mir auch das wieder verdorben hat. Und deine dollen Freunde von Toilette Nr. 13 müssen auch nicht alles wissen.“

„Eine Hand wäscht die andere“, sagte ich. Versprach es und hielt mich auch daran – vermutlich, weil soviel interessantere Dinge in der Stadt passierten.

Squsharamashmathi kehrte heim und nahm uns mit zum Schlüpfen der Hundert.

Noch vor Sonnenaufgang, gerade eben konnte man rot von blau unterscheiden, begaben wir drei uns zum benachbarten Plattenbau. Stiegen dort zehn Stockwerke lang raue, indirekt beleuchtete Betonstufen hoch. Im Gegensatz zu Squsharamashmathi begannen Seti und ich dabei recht bald zu keuchen.

Gibt’s hier keinen Aufzug?“, murrte ich vor mich hin.

Shhikta lachte leise. „Menschen brauchen Bewegung. Am Ende ihrer langen Reise waren meine Vorfahren regelrecht süchtig danach.“

Toll. Und warum musste ich dafür leiden?

Endlich oben auf dem Dach angekommen, sah ich mich einer größeren Gruppe Babylonier gegenüber. Squsharamashmathi tauschte mit einigen traditionelle Nasenstüber aus, während er mit anderen Ohren aneinander rieb. „Kollegen aus dem Inneren Zirkel“, erklärte Seti (Peters Sklavenname, Anmerkung) flüsternd.

Einer von ihnen, mit seltsam buntem Haarschopf, führte uns zu einer Sitzreihe, von der aus man freien Blick auf die Fläche zwischen ACME und Regierungssitz hatte. „Wollt Ihr wirklich die logges zusehen lassen, o Zweiter?“, fragte er leicht verschnupft.

In der Tat. Hatte dich für modern gehalten, Fernese.“

Schon gut, schon gut.“

Die übrige Hausgemeinschaft – dafür hielt ich sie – blieb auf Abstand. Der Angesprochene verschwand und kam nach einer ganzen Weile… mit Chaim zurück. Beide rückten Hocker zurecht, während sich mein Bekannter neugierig umsah. „Was´n los?“ Eine weitere Störung später stieß noch eine grünhaarige Babylonierin mit ihrer Sklavin Tammi zu uns, ein fades Blondchen aus Kanada. Seti begann augenblicklich, den Frischling auf Englisch einzuseifen. Augenscheinlich verstand Tammis Herrin kein Wort davon – was ihr nicht gefiel. Doch da Squsharamashmathi nicht einschritt, beruhigte sie sich wieder.

Für Ablenkung war gesorgt, denn der Platz vor dem Portal des ACME wurde nun von Licht geflutet – unglaubliche Violetttöne gingen über in Smaragdgrün, welches nach und nach irisierend hellblau wurde. Lika, Sarns Sonne, ging auf.

Und auch im Inneren Haus schien sich einiges zu tun. Gut dreißig nackte Gestalten beiderlei Geschlechts kamen hervor, anhand der Hauttönung leicht einzuordnen. Die Sklaven begannen damit, dem Sand mit rot und blau bebänderten Besen zuleibe zu rücken. Nicht der übliche Ablauf, vermutlich – denn aus der Hausgemeinschaft sprangen Leute von den Sitzen auf, deuteten und diskutierten.

Der Zweite Der Stadt rieb sich vergnügt die Hände. „Ein weiterer alter Zopf abgeschnitten“, flüsterte er mir zu. „Meine guten Freunde vom Inneren Zirkel waren nicht böse, auf ihren Auftritt verzichten zu können. Die Beute aus den letzten Fahrten erledigt den Job genauso gut.“ Er fuhr fort. „Obokreuyushano wird nicht zufrieden sein… wollte sie alle als Raumschiffsmonteure. Das kommt davon, wenn man sich zu fein ist, selbst ein paar zu fangen, nicht wahr?“ Mit diesen Worten schlenderte Squsharamashmathi, geschmeidig wie ein König der Löwen, hinüber. Forderte diesen und jenen der abseits sitzenden Hausbewohner dazu auf, schon einmal von hier oben eine Wahl zu treffen.

Und gut sah er aus, shhikta. Die rote, bodenlange Brokatrobe hätte glatt aus dem Kleiderschrank des Abgeordneten von Gmtxt stammen können. Ich jedoch hatte kaum Augen für ihn. Weil das, was unter dem Wüstensand nach und nach zum Vorschein kam, für mich weitaus interessanter war: mit Gold eingelegte Platten. Während das Areal gefegt wurde, verbanden sie sich zu einem kunstvollen Mosaik.

Ich stand und sah und staunte.

Peter stieß mich an. „Haut einen um“, sagte er. „Beim ersten Mal. Damit bewies mir Squsharamashmathi einst, dass seine Vorfahren bereits die Erde beherrschten. Das wir ihnen alles verdanken… Glaub mir, ich war genauso überrascht wie du.“

Überraschter wahrscheinlich, denke ich heute, besaß ich doch nur einen Bruchteil seines Wissens. Erst in diesem Moment war das Zeichen zu erkennen, lag, vom Wüstensand befreit, in der Tiefe unter uns ausgebreitet: Pentagramma.

Religion, Historie, Geometrie: das Pentagramm lässt sich aus fünf Goldenen Dreiecken zusammengesetzt denken. Verbindet man die fünf Schnittpunkte im Inneren, so entsteht dort ein weiteres Pentagramm. Selbst wenn man in dessen innerem Fünfeck wieder ein Pentagramm einzeichnet und so fort, folgen sämtliche in dieser Zeichnung auffindbaren Dreiecke dem Goldenen Schnitt.

An jenem Tag konnte ich mir diese Dinge natürlich nicht merken. Im klaren, trockenen Morgenwind aus der sarnischen Wüste wehten die Worte an meinen Ohren vorbei, lösten sich auf. Seitdem hatte ich jedoch viel Zeit, um zu lernen: das Pentagramm ist das Symbol der Venus, wie es vor Ihr das Symbol der sumerischen Göttin Ishtar war. Seine fünf Ecken bilden eine Analogie zur Rose. Sein natürliches Abbild ist der Querschnitt durch einen Apfel, der core, Eva ebenso geweiht wie Demeter. Auf der Erde bekannt ist dieses Symbol spätestens seit der zweiten Hälfte des 4. Jahrtausends vor Christus.

„Drei in fünf“, sagte Peter. „Die Ideale der Freimaurer: Vernunft, Gleichmaß und Wahrheit.“ Tief unter uns strömten Cendraker aus ihren Häusern, bildeten ihrerseits Kreise um die Freifläche. „Klugheit, Gerechtigkeit, Stärke, Mäßigkeit und Fleiß.“

Nach und nach schritten sie aus den Toren ACMEs hinaus in den Bannkreis, dunkelhäutige Männer und Frauen, nackt, noch völlig schuldlos. Teilweise bunt gekleidete Menschen strömten über den Platz, um sie zu begrüßen.

„Ihre Hausgemeinschaften“, erläuterte shhikta, die Hand fest auf meiner Schulter. Füße wirbelten den Sand wieder auf. Das Symbol verschwand. Und ich gedachte traurig der einzig mir bekannten Bedeutung, zu schlicht, um sie mit irgendjemand zu teilen. Großmutter hatte es, als Münze fast blind von langem Gebrauch, die Kette dünn gescheuert, um ihren Hals getragen, solange ich mich zurückerinnerte.

*

Einen Alkovenschlaf später schlenderte ich mit Seti durch Plattenbauschluchten.

„Und? Ist dir etwas aufgefallen?“

Am Schlüpfen der Hundert?“ Ich musste nicht lange überlegen. „Nun… es waren höchstens 80 Leute.“

Seti nickte zufrieden. „76, um genau zu sein. Aber nicht schlecht geschätzt. Deine Augen funktionieren… mal sehen, ob dein Gehirn etwas wert ist.“

Gott, du nervst, Haushofmeister. Mehr Input, bitte.“

Sie sind alle Klone!“, verkündete er mit der Miene eines Moses vom Berg.

Na, und?“, fragte ich. Soviel hatte ich bereits von shhikta erfahren. Der schätzte an uns genau das, was seine Leute nicht besaßen: zwei unterschiedliche Gesichtshälften und kleine Schönheitsfehler. „Unter Zuhilfenahme arkanen Wissens klonten die Tiar einst aus dem Erbgut von fünfhundertzwei strahlengeschädigten Überlebenden fünftausend Individuen, exakt 2.500 von jedem Geschlecht.“, dozierte ich.

Dann schlaumeierte ich weiter: „Der letzte Kapitän des Generationenraumschiffs wurde Erster der Stadt: Obokreuyushano. Das Geschwisterpaar mit dem goldenen Hautmuster erhielt spirituelle Aufgaben. Alle Bewohner leben exakt zweihundert Sarn-Jahre. Dann sterben sie im Schlaf. Schon am nächsten Tag bezieht der Nachfolger die gleiche Wohnung.“

Peter grinste bösartig. „Und warum, Miss Oberschlau, schlüpfen nur 76 Klone, wenn 100 von ihnen nicht nur erwartet, sondern gebraucht werden?“

Ich zuckte die Schulter, nicht sonderlich interessiert. „Weil der Rest nicht lebensfähig ist?“ Seti applaudierte stumm.

So what?“, fragte ich überdrüssig. Wollte mich endlich in Richtung Toilette Nr. 13 absetzen.

„Die Traditionalisten nennen es die terranische Krankheit… eine Ausrede, vermutlich. Für Klonschwund… ein Wunder, dass diese Gesellschaft sich überhaupt so lange gegen Veränderungen stemmen durfte… Das Leben bestraft allzu geordnete Strukturen.“

 

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