
DELEMHACH
Emilie Nikota
The House Witch
Der Koch des Königs
The House Witch (2022)
Klett-Cotta, Stuttgart, 03/2026, 615 S., Hardcover
ISBN 978-3-608-96671-8
Mit The House Witch. Der Koch des Königs erscheint erstmals auf Deutsch ein Roman, der im englischsprachigen Raum bereits eine große Leserschaft gefunden hat. Hinter dem Pseudonym Delemhach steht die kanadische Autorin Emilie Nikota, die mit dieser Reihe eine Spielart der Fantasy pflegt, die man inzwischen gern als „Cozy Fantasy“ bezeichnet: Geschichten, in denen Magie weniger als zerstörerische Kraft denn als Element des Alltags erscheint – warm, freundlich, oft humorvoll.
Der Held des Romans ist Finlay Ashowan, ein außergewöhnlich begabter Koch, der eine Stelle in der königlichen Küche des Reiches Daxaria erhält. Fin ist allerdings nicht nur ein Meister am Herd. Er gehört zu jenen seltenen Magiern, deren Kräfte sich auf Häuser und Lebensräume richten. Eine „Haushexe“ – oder in seinem Fall: ein House Witch – sorgt nicht für spektakuläre Zauberschlachten, sondern für Wärme, Ordnung und Schutz innerhalb der eigenen vier Wände. Seine Magie wirkt dort, wo Menschen leben: in Küchen, Kammern, Fluren und Gärten.
Aus dieser Idee entwickelt der Roman seinen besonderen Ton. Während klassische Fantasy oft von Kriegen, Intrigen oder epischen Missionen lebt, interessiert sich Delemhach vor allem für das soziale Gefüge eines Hofes. Die königliche Küche wird zum Mittelpunkt eines kleinen Kosmos, in dem sich Dienerschaft, Höflinge und Herrscher begegnen. Konflikte entstehen eher aus zwischenmenschlichen Spannungen als aus apokalyptischen Bedrohungen. Vieles dreht sich um Gemeinschaft: um Mahlzeiten, Gespräche, leise Loyalitäten und den Versuch, an einem politisch empfindlichen Ort so etwas wie Normalität zu schaffen.
Das funktioniert überraschend gut. Der Roman entfaltet eine Atmosphäre, die eher an ein Märchen oder eine höfische Komödie erinnert als an klassische Abenteuerfantasy. Humor, Freundlichkeit und ein gewisser Sinn für Alltagszauber prägen den Ton. Besonders die kulinarischen Szenen tragen zur Lebendigkeit des Buches bei. Essen ist hier nicht bloß Dekoration, sondern Ausdruck von Kultur und Fürsorge. Wer kocht, stiftet Gemeinschaft – eine Idee, die sich durch das ganze Buch zieht.
Gerade diese Wärme macht einen großen Teil des Reizes aus. In einer Zeit, in der Fantasy oft durch düstere Welten, moralische Grauzonen und permanente Eskalation geprägt ist, wirkt The House Witch beinahe altmodisch freundlich. Man liest dieses Buch nicht, um von Katastrophen überwältigt zu werden, sondern um sich für einige Stunden in eine Welt zurückzuziehen, in der Menschen miteinander reden, essen und leben.
Allerdings hat diese märchenhafte Tonlage auch ihre Kehrseite. Der Roman bleibt über weite Strecken sehr sanft. Konflikte entstehen zwar, doch selten entwickeln sie wirkliche Schärfe. Bedrohungen wirken eher wie narrative Hindernisse als wie existenzielle Gefahren. Dadurch entsteht manchmal der Eindruck, man lese eine Art „Harry Potter für Erwachsene“ – nicht wegen inhaltlicher Ähnlichkeiten, sondern wegen des grundsätzlichen Lesegefühls: eine freundlich gezeichnete magische Welt, in der man sich gern aufhält, die aber selten wirklich beunruhigt.
Mir persönlich fehlte dadurch ein wenig jene Spannung, die aus angenehmer Lektüre echte Faszination macht. Das Buch bleibt bewusst auf der Seite des Liebenswürdigen. Figuren sind sympathisch, Dialoge oft humorvoll, und die Handlung schreitet ohne größere Härten voran. Das macht die Geschichte sehr zugänglich, nimmt ihr aber zugleich einen Teil jener Reibung, die Figuren und Welt manchmal noch plastischer erscheinen ließe.
Gleichwohl wäre es ungerecht, den Roman an Maßstäben zu messen, die er gar nicht anstrebt. The House Witch will keine düstere Saga sein. Er erzählt eine Geschichte über Fürsorge, Gemeinschaft und den stillen Einfluss eines Menschen, der seine Fähigkeiten nicht nutzt, um Macht zu erlangen, sondern um Räume bewohnbar zu machen. In dieser Hinsicht ist das Buch bemerkenswert konsequent. Die Magie bleibt bodenständig, die Handlung menschlich, und selbst höfische Politik verliert nie ganz den Ton eines charmanten Gesellschaftsstücks.
So bleibt am Ende ein Roman, der vor allem durch seine Atmosphäre überzeugt. Wer Fantasy sucht, die Wärme, Humor und eine liebevolle Darstellung des Alltags miteinander verbindet, wird an The House Witch viel Freude haben. Wer dagegen nach existenzieller Dramatik oder großen epischen Konflikten sucht, könnte das Buch als zu sanft empfinden.
Mein Eindruck nach der Lektüre ist deshalb ein zwiespältig positives Urteil: ein sehr angenehmes, oft charmantes Buch, das sich leicht und gern lesen lässt, dem jedoch ein wenig jene erzählerische Schärfe fehlt, die aus Sympathie echte Begeisterung werden lässt. Liebenswert ist dieser Roman allemal – vielleicht gerade deshalb wird er für viele Leserinnen und Leser genau das Richtige sein.