Jott Fuchs Klassiker Nr. 1: John Crowley – Das Parlament der Feen

„John Crowley South Street Seaport cropped“ von John_Crowley_South_Street_Seaport.jpg: Houari Boumediennederivative work: Lampak (talk) - John_Crowley_South_Street_Seaport.jpg. Lizenziert unter CC BY-SA 2.0 über Wikimedia Commons

„John Crowley South Street Seaport cropped“ von John_Crowley_South_Street_Seaport.jpg: Houari Boumediennederivative work: Lampak (talk) – John_Crowley_South_Street_Seaport.jpg. Lizenziert unter CC BY-SA 2.0 über Wikimedia Commons

Eines der am meisten gelesenen Bücher in Jott Fuchs´ legendärer Bibliothek, ein “Finnegan´s Wake“ der Fantasy. Leider scheint es – wie der genannte Titel – sich durchaus nicht jedem zu erschließen. Andererseits wird es seit 1981 immer wieder neu aufgelegt. 2015 sucht Jott Fuchs daher Hilfe bei einem anderen Fan: Dietmar Dath, dem Autor des Vorworts der Piper Taschenbuchausgabe:

Das Parlament der Feen ist ein Familienroman, ferner ein Epos über die Einbettung der angelsächsischen Feenwelt in die angloamerikanische Moderne und außerdem – das vor allem – ein überhaupt nicht hermetisches Buch über ausgesprochen hermetische Angele­gen­heiten zwischen Zeit und Ewigkeit. Die komplizierte Geschichte, die erzählt wird, beginnt mit einer Brautfahrt…

Der 1942 geborene Amerikaner John Crowley gehört als Autor raffinierter Science Fiction, elegischer Fantasy, einschüchternd gelehrsamer historischer Romanzen und neo­romantischer Fabeln über das Erkenntnisfenster Geschichte an sich (dies alles enthält auch „Little Big“ – Anmerkung ASH) seit langem zu den bedeutendsten Künstlern aller phanta­stischen Erzählgenres der Gegenwart….

Die Allegorie, um die es ihm dabei geht, ist so einfach wie wirkungsvoll; sie verträgt es, in unendlich vielen Variationen wiederholt zu werden und lautet: Einmal waren wir alle irgendwo daheim, da sind wir hergekommen, dahin führt uns nichts zurück. Also richten wir uns woanders ein, in unserem Leben, unserem selbstgewählten Unausweichlichen. Der Weg des Menschen führt von daheim nach zu Hause…

Na, wenn das so einfach wäre! Geneigte Leser mögen sich nicht aufs Vorwort verlassen, wie jeder Kommentar zu diesem Buch, führt es in die Irre (statt in das Anderswo, ins Irgendwo, hehe. Herr Dath, der König im Berg ist nicht Arthur – es ist Friedrich Barbarossa lobesam) Aber das gilt auch für alles, was ich nun über den Plot schreiben werde – für jedes aufgedeckte Geheimnis lauern tausend versteckte, mehr als Engel auf einer Kirchturmspitze.

Unbedingt empfehlen möchte ich den Erwerb des Buches allen, die James Stoddards „Das Hohe Haus“ (nebst Fortsetzung) mit Genuss gelesen haben. Crowleys „Edgewood“ (schon das Wort entzündete jahrelang meine Fantasie) hat mit Stoddards Haus Abendsee gemeinsam, dass alle Menschen, die je einen Fuß hineinsetzten, den Eindruck haben, sie hätten es niemals wirklich mehr verlassen. Ein Haus wie ein Universum, Zitat: „Häuser, gebaut aus Häusern, im Innern von Häusern, gebaut aus Zeit.“

Doch im Gegensatz zu Abendsee erscheint Edgewood dem äußeren Betrachter nicht viel größer als eine übliche Gründerzeitvilla. Seltsamer wohl – denn es ist eine Mustersammlung – fünf verschiedene Fassaden (Perpendikularstil, Italisierende Villa, Tudor, Neo-Klassik, Queen-Anne-Herrenhaus), stehen in Form eines Pentagramms ineinander verschränkt, die Innenräume gegliedert nach den Massen des Jahres (4 Etagen, 52 Türen, 365 Stufen usw.)

Der Architekt Drinkwater erbaute es als Heimstatt für die Mystikerin Violet Bramble, legte mit ihr darin den Grundstock für eine recht abgefahrene Geschlechterfolge. Fünf Städtchen (wieder das Pentagramm) liegen ringsum den ausgedehnten Park, tiefe Wälder, Hügel, See und Schlucht, weite Felder. August, Drinkwaters Sohn, hält Ernte unter den Mädchen der Umgebung. So reich, dass seine Kinder wiederum untereinander heiraten – sie haben einfach den Überblick verloren… Und dieser Stammvater wird, mit ziemlicher Sicherheit, in eine weiße Forelle verwandelt, gezwungen, allen seinen Nachkommen das Orakel zu machen.

Nein, die Familie Drinkwater/ Mouse/ Stone/ Barnable (usw) steht nicht ganz auf der Seite der Menschen. Sie haben eine enge Verbindung zu, vielleicht sogar einen Pakt mit den Elementargeistern. Feen in den unterschiedlichsten Erscheinungsformen, Zitat: mit eigenem Willen sowohl als Macht, und Wünsche sowohl als Pflichten, und nicht blind – sondern sogar ziemlich weitsichtig… Weniger Geister, als eine menschliche Seitenlinie, überlebend nicht durch die Technik, sondern durch Magie.

.. Und das Haus ist die Pforte, die größte Pforte überhaupt, es steht … genau am Rand oder auf der Grenze nach Anderswo und es würde schließlich die letzte Pforte sein, die dorthin führt….

Einen Teil der Familie verschlägt es auch „in die große Stadt“. Wobei mir als Nichtkenner Crowleys Beschreibungen von Stadt und Umland New York im Verlauf der Generationen recht authentisch anmuten. Erst als der Autor die Fünfzigerjahre erreicht, ufern sie aus. Kein Wunder: Kaiser Barbarossa wird Präsident, schwingt sich zum Tyrannen auf und stürzt das Land in Chaos.

Und das gelingt ihm, weil er in den Karten steht. Gar kein gewöhnliches Tarot, sondern ein einzigartiges Spiel, um die Zeit Rudolf II. in Prag gedruckt, damit die Wiederkehr des Heiligen Römischen Reiches durch Magie herbeizuführen. Die Tacenda, Kindeskinder der Zeit, verfolgen damit jedoch eigene Ziele. Als „die letzten Trümpfe“ spielen sie die Karten Violet Bramble zu, von dort aus gelangen sie in die Hände ihrer Nachfahrinnen. Die seltsamen Bilder (Vetter, Sportsmann, Galerie, Geografie usw.) werden von den Frauen für gewöhnliche Kartenlegereien benutzt, dienen als Lösungsvorschlage für die kleinen Alltagssorgen – bis das Mädchen Lila verschwindet. Wie Crowley anhand dieses Kartendecks seine Geschichte weiterspinnt, ist genial. Die harmloseste Kleinigkeit, der abgefahrenste Gag werden zum Symbol, ziehen sich durchs Buch.

Auch die „Church of all Streets“ und das „Seventh Saints Bar und Grill“ (man beachte die Abkürzung „St“) sind im ersten Kapitel des Buches lediglich die Druckfehler eines Texterfassungsprogramms für Telefonbücher – um sich in den letzten zu real existierenden, handlungsentscheidenden Orten zu wandeln. Davon abgesehen gibt es Schafhirten in der Bronx, einen Park, gebildet aus den Erinnerungen an eine verlorene Liebe, eine Fähre über langverschüttete Flüsse, verborgen tief im U-Bahn-System New Yorks. Träume, ob chemisch oder natürlich, sind alles andere als Schäume. Die Story strotzt von verrückten Einfällen, die Prosa ist so dicht, mir macht es einfach immer wieder Spaß, sie zu lesen.

Außerdem gehört John Crowley zu den Autoren, die fähig sind, sich selbst auf die Schippe zu nehmen. In „Little Big oder Das Parlament der Feen“ (Titel des Hardcovers, meiner Meinung nach zutreffender) geschieht dies, in dem er Auberon Barnable zum Broterwerb Drehbücher schreiben lässt – für Seifenopern:

schon wieder neue Fallen und Niederlagen, Verschwörungen und Durchbrüche ersinnend. Welch eine Form! Warum hatte niemand vorher ihr Geheimnis erfasst? Eine simple Spielhandlung war erforderlich, ein einziges Anliegen, das alle Figuren tief bewegte und das eine einzige grandiose, glatte, simple Lösung hatte: eine Lösung aber, die niemals erreicht wurde. Stets unmittelbar bevorstehend, die Hoffnung hochhaltend, die Enttäuschung um so herber stimmend, Leben und Liebe würzend durch ihr unausweichlich langsames Fortschreiten zur Gegenwart: jedoch niemals, niemals sie erreichend.

Und trotzdem ist das auch schon wieder gelogen.

Originaltitel “Little Big”, aus dem Amerikanischen übersetzt v. Thomas Lindquist

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