Gillian Rubinstein und die Otori-Saga

Eating-Rice-von-Kusakabe-Kimbei

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Lian Hearn

Wie ihr wisst, halte ich eine Menge von Pseudonymen. Wir Autoren sind ja durch die Bank ganz normale Leute, keineswegs so geheimnisumwittert und genial, wie uns die Leser gerne hätten. Da hilft so ein kleiner Puffer vor der Realität ganz enorm, Zielpersonen für sich einzunehmen. Im Grunde ist es sogar nur höflich, sich nicht gleich völlig nackig zu zeigen, gerade, wenn man nicht mehr achtzehn ist.

Als stets hungrige Leserin habe ich es mir angewöhnt, nicht nur wöchentlich die Recklinghäuser Stadtbücherei aufzusuchen, sondern von Zeit zu Zeit dort auch einmal die Jugendabteilung zu inspizieren. Mir ist nämlich schon lange aufgefallen, dass man dort mit spannender Fantasylektüre rascher fündig wird als „unten“. Ach, wäre das nur schon in meiner eigenen Jugend so gewesen. Einfach tragisch, mit welchem Schmonzes man damals abgespeist wurde… aber nun kann ich ja alles nachholen.

Und vermutlich hätte ich – wäre es anders gewesen – die Klassiker erst sehr viel später für mich entdeckt. Rudyard Kipling, Goethe, Schiller, Heine, Kleist, Shakespeare und wie sie alle heißen, entpuppten sich nämlich nach meinem 12. Lebensjahr als eine prima Ergänzung zu „Pucki“ und ihren unsäglich öden Freunden… Ich will gar nicht behaupten, die Texte damals schon kapiert zu haben. Und doch wusste ich ab Erstkontakt, dass dies der „echte Stoff“ ist – und ergab mich seiner Faszination.

2004 war in vielerlei Hinsicht in meinem Leben ein schwieriges Jahr. Und doch muss ich um diese Zeit Berührung mit einem sehr besonderen Buch gehabt haben: Lian Herns´ „Das Schwert in der Stille“.

Als ich im Sommer 2015 unbewusst erneut danach griff, habe ich es jedenfalls sofort wieder erkannt. Und obwohl ich mich noch sehr gut an die Geschichte erinnerte, war der alte Zauber sofort wieder da… Dazu muss man wissen, dass ich, wiewohl Rezensentin und Autorin, eher zu den Schreibfaulen zähle. Um mich „ans Werk“ zu setzen, sind starke Anreize nötig.

Offensichtlich liefert der „Clan der Otori“ sie in ausreichender Menge. Ich habe mir nicht nur die Serie komplett besorgt und gelesen (die Folgebücher zum ersten Mal), sondern mich auf den Hosenboden gesetzt und berichte nun darüber.

priv. Foto ASH

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Lian Hearn: Zyklus „Der Clan der Otori“

  • 2002: Das Schwert in der Stille (Across the Nightingale Floor), ISBN 978-3551581068
  • 2007: Die Weite des Himmels (Heaven’s Net is Wide) – Prequel, ISBN 978-3551581716

Ich las die Bücher in dieser Reihenfolge und würde dies auch meinen Followern empfehlen. Das Prequel enthält nämlich die Vorgeschichte Lord Shigekus, welcher im ersten Band immerhin das Waisenkind Tomasu/Takeo rettet. „Das Schwert in der Stille“ endet mit seinem Tod (soviel darf wohl verraten werden) und dabei bleiben viele Fragen offen. Ich liebe jeden der Bände, aufgrund der anmutigen Sprache, der zauberhaften und dennoch durch und durch bodenständig-realistischen Storyline. Dennoch interessiert mich am Ende von „Der Ruf des Reihers“ Lord Shigeku nur noch sehr am Rande. Takeos Kinder sind mittlerweile erwachsen. Zwar prägt die Vergangenheit die Zukunft (das hat sie so an sich). Doch an und für sich liegt sie in den prunkvollen Schreinen des Klosterberges begraben. Längst fiebere ich um die Geschicke ganz anderer Personen. Darum finde ich persönlich es schlauer, die Lektüre vorzuziehen. Man entwickelt einfach ein besseres Gespür für die Vielzahl von Schicksalen und Intrigen, die „den Stamm“, die „Verborgenen“, normale Bürger und den Adel der „Drei Länder“ verbinden.

priv. Foto ASH

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  • 2004: Der Pfad im Schnee (Grass for His Pillow), ISBN 978-3551581105
  • 2005: Der Glanz des Mondes (Brilliance of the Moon), ISBN 978-3551581112
  • 2006: Der Ruf des Reihers (The Harsh Cry of the Heron), ISBN 978-3551581600

Ich fände es fatal, Euch zu verraten, was Takeo in den einzelnen Bänden des Zyklus erwartet. Nur soviel: bis zuletzt warten auf ihn schwere Entscheidungen. Die Last seiner Verantwortung ist enorm. Nicht von ungefähr entschließt er sich, jeglicher Religion zu entsagen und zugleich allen Göttern Verehrung zu zollen. Am Ende bilden sich noch ein paar dahergelaufene Portugiesen ein, ihn zum Christentum bekehren zu müssen.

Gillian Rubinstein geht hier mit angenehmer Toleranz zu Werke. Aus ihrer Biographie ist ja bekannt, dass sie sich von Japan und, ganz allgemein, asiatischer Weisheit angezogen fühlte. Und so kommen selbst Esoteriker hier voll auf ihre Kosten.

Der Hintergrund des „Clan der Otori“ erinnert an das Japan um 1854. Beeinflusst von China (hier: Shin), von Europa abgeschottet, zerfleischen sich seine Kriegsherren gegenseitig. Der Kaiser ist weit weg, mehr religöse Instanz als wirkliche Macht. Dennoch erforschen die ersten Händler bereits das Land, führen, nebst anderen Waren, Feuerwaffen ein.

Ich würde den Zyklus durchaus zur Fantasy zählen, auch wenn er vom Mainstream nicht allzu weit abweicht. Zwar schwinden die Fähigkeiten „Des Stamms“ zum Zeitpunkt der Handlung zunehmend. Dennoch kann man sie (Unsichtbarkeit, Reflexionen, stark verfeinertes Gehör, Kontakt mit Verstorbenen, Aufnahme von Tiergeistern) als Mutanten betrachten. Da dies alles aber trainiert werden kann und muss, sind die Grenzen zu den Ninjas fließend. Der „Weg des Kriegers“ wird natürlich auch von den Adligen beschritten. Selbst Mönche vermitteln hier überlegene Techniken.

Achtung: absolute Suchtgefahr!

priv. Foto ASH

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