Agincourt und die Elektron-Saga

Am 25.Oktober 2015 jährt sich die Schlacht zu Agincourt (andere Schreibweise: Azincourt) zum 600. Mal. Sie bezeichnet den größten militärischen Sieg der Engländer (unter König Henry V) über die Franzosen während des Hundertjährigen Kriegs. Dieser ist dem „Baden-Württemberg aktuell“, kurz BWA genannt, wert, ein Sonderheft dazu herauszugeben. Euer Jott Fuchs hat hierzu folgenden Beitrag verfasst:15-11-1 Kopie

 

 

Bevor ich euch mit den folgenden Seiten aus „Interregnum, Kap. 4 „Alter Herrschaft Übel“ hoffentlich erfreue, folgt der Klappentext – und vier Personenbeschreibungen. Die gute alte „Tres“ selbst erklärt sich aus dem Text. „Pdhyro“ ähnelt unserer Bronze, weist allerdings auch Eigenschaften von Stahl auf. Bei „Lytkrey“, „Bliksem“, „Nogawe“ und „Abdomiel“ handelt es sich um „ehrenwerte Familien-Verbände“. Ähnlichkeiten zu Mafia, Cosa Nostra u.ä. sind hier durchaus beabsichtigt. Die Bezeichnung der jeweiligen Oberhäupter lautet „Esra“.

Nach ihrer Flucht aus der Sklavenstadt Cendraka verschlägt es Vera Elz zusammen mit den letzten Pionieren von der Erde ins Exil auf die rückständige Diebeswelt Gmtxt. Dort bewahrt nur ein brüchiger Frieden die terranische Gemeinde vor der Auslöschung – und die feindseligen Mächte zählen bereits die Tage bis zum Interregnum, wenn der Tod des Herrschers alle Karten in einem blutigen Bürgerkrieg neu verteilen wird.“

Elz, Vera (Erzählerin) Pionier seit 6 nBEca. 1,75 m groß, herzförmiges Gesicht, Augen dunkelblau, leicht mandelförmig, Haar mittel- bis dunkelrot, je nach Länge stark gekraust. Haut matt und eher cremefarben, Körper langgliedrig, kräftige Schultern, Schenkel und Taille eher muskulös als ausgeprägt
Stuart, Thomas Arthur (Tom) Pionier seit 5 nBE, Indobriteca. 1,85 m groß, Gesichtsform und –Schnitt ähnlich dem legendären Stuartahnen Bonnie Prince Charlie (Charles Edward Stuart, 1720-1788) im Gegensatz zu diesem sind seine Augen jedoch violett, das Haar ist schwarz, leicht gewellt, die Haut „weizengold“S. ist nahezu uneingeschränkt magisch begabt und nach eigenen Angaben Avatar einer indischen Gottheit, die ihre Karriere einst als Neandertaler startete
Chenje Sren Ammu sterblich, Sarnii der Untergruppe Keitru, (dasbedeutet stets blondes, glattes Haar und mittel- bis dunkelbraune Haut) ca. 1,95 m groß, athletischauffällig goldfarbene Hautpigmetierung im Brustbereich

Besonderheiten im Gesichtsschnitt verweisen auf Vorfahren unter der Ersten galaktischen Menschheit

Augen: bernsteinfarben

verheiratet mit Veronika Marianne En-Helena, alias Vera, alias Rhy

Voesery (föseri) Berater, ConsigliereHaifischvisage (spitze Zähne), Haut schlaff blassrosa, Haar grau, schmale graue Augen, kantiges Kinn

*

An der Anlegestelle wartete ein Boot auf mich. Die Japanerin salutierte. Gemeinsam stiegen wir ein, dann ruderte mich die abgelöste Wache zur Festung.

Auf dem Weg zum Allerheiligsten wappnete ich mich gegen Toms Vorhaltungen wegen der Uniformen. Sicher, ich hatte ihm eine Menge Diamanten besorgt, direkt aus der Schatzkammer des Königs. Andererseits hatte ich nicht den blassesten Schimmer, was es kosten mochte, eine Festung dieser Größe zu unterhalten. Solche Details interessierten mich einfach nicht. Das würde wohl nicht lustig werden.

Zu meinem Erstaunen jedoch war Tom nicht allein. Voesery war anwesend, außerdem saßen um den Tisch diskutierende, sorgenzerfurchte, schwitzende Frauen und Männer. Goldene und silberne Anstecknadeln verrieten mir, dass Stuart hier versammelt hatte, was er „seine Offiziere“ nannte. Obwohl wir höchstens die Bewaffnung für tausend besaßen, durchliefen in den ersten Jahren fünftausend Terraner eine militärische Ausbildung. Aus dem Fechten mit Besen­stielen war längst das Training am Schlagstock geworden.

In hitzige Gespräche vertieft, reagierte niemand auf mein Eintreten. Endlich blickte Tom auf, winkte mich auf den letzten freien Platz. Mittlerweile war klar, dass es hier nicht um Uniformen gehen konnte. Trotzdem schien mir eine Entschuldigung nicht verkehrt.

„Stuart, tut mir leid, ich bin da gestern wohl etwas vorgeprescht…“

Tom kräuselte die Stirn. Dann hellte sich seine Miene auf.

„Ah, Bliksems neuester Auftrag – kein Problem! War immer schon dafür, in Schönheit unterzugehen.“

„Untergehen?“, wiederholte ich beklommen.

Aufseufzend strich sich der Esra rabenschwarzes Haar aus der Stirn. Unter seiner Achsel prangten Schwitzflecken.

„In der Tat“, bekräftigte er. „Ich dachte, dein kleines Feuerchen gestern sei eine prima Gelegenheit, ein bisschen in die Zukunft zu sehen. Weißt schon, die Asche von gestern, kombiniert mit dem Zepter von morgen. Und das hat ganz ungemein gut funktioniert. Selbst der Zeitrahmen ist einigermaßen stringent, obwohl sich jenseits des Lebens Äonen auflösen…“

„Hast du versucht, das nächste Interregnum vorauszusagen?“, fiel ich ihm ins Wort.

„Leider erfolgreich“, entgegnete er. Er grinste todunglücklich. „Frühestens in zwei, spätestens in fünf Jahren ist es soweit. Und das ist viel zu zeitig – für uns. Wie ich es drehe und wende, da ist kein Weg…“

„Hast du es Bliksem gesagt?“

Er schnaubte. „Damit sie uns wie eine heiße Kartoffel fallen lassen? Nur über meine Leiche. Die Neuigkeit verlässt nicht den Raum.“

„Gut.“ Ich verstummte.

*

Einmal, so erinnerte ich mich, hatte ich etwas gewusst, dass uns einen Vorteil verschaffen konnte. In ureigene Gedanken, Traumbilder versinkend, blendete ich den Lärm im Zimmer aus, bis von ihm nur noch weißes Rauschen blieb, begab mich auf die Jagd. Vage zunächst, dann stärker umrissen, bekam ich es zu fassen. Die Idee nahm erneut Gestalt an.

Doch sollte ich hier und jetzt sprechen? Oder warten, bis ich mit Tom alleine wäre? Unentschlossen musterte ich die Leute mit den Anstecknadeln: vier Männer, zwei Frauen; zwei der Herren augenscheinlich Gem. Bliksem-Transfer oder vom Gerüst geerntet: in diesen Tagen war dies äußerlich nicht mehr festzustellen.

Die Frauen waren nicht nur in der Minderzahl, auch hatten sie es nur zu Silberträgerinnen gebracht: eine Chinesin, sterblich, wie ihr pummeliges Gesicht verriet. Die Europäerin dagegen klassisch schön, mit matter Elfenbeinhaut und einem Geriesel schwarzer, auf Kinnlänge gekürzter Locken. An ihren Augen erkannte ich, die Schulabbrecherin, dass hier ein Pionier vor mir saß, der vermutlich um einiges älter war als ich. Und das war gut. Solche Leute bildeten unser Stammes­gedächtnis.

Sie war mir bekannt – von einer anderen Gelegenheit, bei der sie sich als Thérèse vorgestellt hatte. „Sklavenname Tres, das reicht völlig.“

Auch jetzt wusste ihr ruhiges Selbstbewusstsein mich zu beeindrucken. Toms übrige „Feldherren“ wirkten aufgelöst. Dass ein Interregnum so bald schon drohte, war wirklich eine üble Nachricht. Doch Seikr XX. war betagt gewesen, schon als wir den Planeten betraten.

Höchste Zeit, sich dem zu stellen. Ich entschied mich, zu sprechen.

Meine Damen und Herren, lieber Bruder. Auf die Gefahr, sich zu blamieren: darf ich Euch an Robin Hood erinnern?“

Fünf von sieben sahen mich an, als hätte ich den Verstand verloren. Tom und Tres schenkten mir volle Aufmerksamkeit.

„Freunde“, fuhr ich fort. „Wir sind auf dieser Welt die Aliens. Wir dürfen und können nach völlig anderen Regeln spielen als die Eingeborenen.“ Ich stand auf, um mir besser Gehör zu verschaffen. „Die Gesellschaft von Alcatraz befand sich über Jahrtausende fast völlig isoliert. Für sie war es immer völlig ausreichend, ihre Mitmenschen mit Hieb- und Stichwaffen abzuschlachten. Keinerlei Anreiz für eine Weiterentwicklung militärischer Techniken.“

Tres lächelte betörend. „Japan“, sagte sie. „Die Samurai.“

„Korrekt“, rief ich begeistert. Diesen Film hatte ich auch gesehen.

Die beiden Gem am Tisch sahen verloren drein. Vielleicht hatten sie die Goldstecker allzu leicht erhalten?

Tom blickte überrascht aus der schwer mit Gold benähten Jacke.

Ich plagte mich tapfer, Gedanken zu verwörtern – nicht ohne dass sich hin und wieder meine Zunge verhedderte: „In den letzten Monaten haben wir verzweifelt versucht zu überleben, in dem wir uns Gmtxt anglichen. Zweifellos die gesündeste Taktik in einer Zeit des Friedens. Doch in der Stunde der Gefahr wird uns nur der eigene Stil retten… Die Menschen von Alcatraz haben niemals einen Vogel fliegen gesehen. Auch unsere Vorfahren begangen einst damit, Speere zu schleudern. Doch sie wussten an jedem Tag, dass sie die Reichweite ihrer Arme verlängern müssen. Dass nur der Himmel die Grenze bildet.“

Tres, ich erinnerte mich, hatte einige Semester Archäologie studiert. Daher wunderte es mich nicht, als sie ausrief, sie wüsste genau, was ich meinte.

„Und was meint die Esar?“, fragte einer der Gem mit vor Verwirrung glasigen Augen.

„Speerschleudern!“, triumphierte Tres. Auf die Idee war ich noch gar nicht gekommen. Was durfte man sich darunter vorstellen?

Fürs Erste“, sagte ich rasch. „Bis zum Interregnum sollten wir es jedoch schaffen, auf Pfeil und Bogen umzusteigen.“

„Warum erfinden wir nicht gleich den Colt“, murrte die Chinesin. Ihr Haaransatz glich dem des Großen Vorsitzenden Mao, fand ich.

„Weil wir dazu erst einmal das Schießpulver erfinden müssten?“, entgegnete ich mit hochgezogenen Braunen. „Auf einem Planeten, mit dessen Metallen und chemischen Elementen wir uns überhaupt nicht auskennen?“

„Richtig.“ Mit einer einzigen Handbewegung konzentrierte Thomas Stuart die Energie im Raum wieder auf seine Person. „Strengste Geheimhaltung ist erforderlich. Wir werden unsere Angreifer mit unseren unheimlichen Alien-Waffen verwirren, verblüffen und vernichten!“

„Wie bei Crécy“, sagte Tres. „1346.“

„Azincourt“, entgegnete Tom, das Kinn mannhaft vorgestreckt. „1415.“

Angeber, dachte ich. Dann sah er mich an. Brüderlich. Zärtlich.

„Danke, Vera“, sagte er schlicht. „Vermutlich hast du uns schon wieder den Arsch gerettet.“

In den ersten Wochen ging das Bogen-Projekt zügig voran. Vor jedem Gerüst der Stadt fand sich schon bei Sonnenaufgang ein Lytkrey ein, mit Lyar in der Tasche. So kamen wir zügig zu einem ganzen Stab an Schreinern. Auch wenn Tom gerne bereit war, für Fachkräfte zu blechen, scheute er, sich weitere Esser aufzuladen.

Ich missbilligte diese Politik. Füllte den Soldaten noch die andere Tasche und wies sie an, die Leibeigenen nach ihren Familienangehörigen zu fragen, alle mit in die Festung zu nehmen. Die Käufe leerten zügig meinen Safe, doch habe ich noch nie am Geld geklebt. Sah in den Erwer­bungen Zukunftsinvestitionen und sollte recht damit behalten: ihre Frauen, Kinder und alten Eltern bei sich zu haben, machte die Unfreien nicht nur glücklicher, sondern bescherte Lytkrey eine Flut an helfenden Händen, die sich mit der Holzbearbeitung nach Art des Planeten schon auskannten.

Tom bezahlte nicht nur das Holz, sondern besuchte täglich den Werksaal der Schreiner, um sich nach Fortschritten zu erkundigen. Tatsächlich wusste er selbst eine Menge über den Bogenbau. Als Brite, sagte er, sei der Bogen schließlich seine Landeswaffe.

Glaub mir, demnächst wäre ich selbst auf diese Idee gekommen.“

Dann ist es ja gut.“

Stuart grinste. „Trotzdem danke für den Tritt in den Allerwertesten.“

Jederzeit gerne“, antwortete ich ihm.

Tres hatte mittlerweile Zeichnungen von Speerschleudern angefertigt. Doch ihr Projekt lag auf Eis. Auf Toms Anordnung forschten die Schreiner nach dem idealen Bogenmaterial. Die Fachkräfte plädierten für einen teuren, weil exotischen Laubbaum und das Krüppelholz Osage. Letztgenanntes gedieh zuhauf auf der Hochebene rund um Schloss und Friedhof der Seekönige. Lytkrey schickte so viele Leute hoch, wohl bewacht von Soldaten, wie es Sägen besaß. Passanten, die etwas von der Aktion mitbekamen und sich darüber wunderten, band man einen Bären auf: es gehe um Brennholz für Frosttage. Das wurde gerne geglaubt.

Während der nunmehr gewaltige Vorrat trocknete und reifte, schließlich war es immer noch Winter, werkelten die Schreiner an den Speerschleudern. Die konnten aus Abfallholz hergestellt werden. Tom orderte wiederaufbereitete Speerspitzen bei den Flickschmieden, ließ einen Schwung der herkömmlich langen Gem-Modelle in der Mitte durchsägen. Unter Tres Aufsicht begannen die besten terranischen Speerwerfer mit den Übungen. Endlich zahlten sich die langen, einsamen Gänge der Festung aus.

All das geschah weitab von jenem Festungsteil, den Bliksem nutzte. In einer weiteren Diskussionsrunde mit den Silber- und Goldträgern des Clans hatten Tom und ich beschlossen, unseren Verbündeten über unsere Pläne im Unklaren zu lassen. Der Partner hatte sich im Grunde noch nicht bewährt. Ihn zu beunruhigen, wäre nicht klug.

Die Geheimniskrämerei brachte den Effekt mit sich, dass plötzlich Hochsprachen-Kenntnisse nachgefragt wurden. Jene Offiziere, die es beherrschten, hielten darin Ansprachen. In den Wandzeitungen tauchten Passagen in dieser Sprache auf, zu allem Überfluss mit lateinischen Buchstaben geschrieben. Lytkrey machte sich auf der Suche nach ehemaligen Sportschützen – heimlich, still und leise.

*

Eine Zeitlang fand sich Chenje in das Projekt mit eingebunden. Genau solange, bis Tom jede Pflanzenfaser des Planeten auf ihre Eignung zur Herstellung einer Bogensehne getestet hatte. Wohlgemerkt: es ging nicht um die ideale Sehne. Wir benötigten irgendeine. Und daran schien, gut einen Monat nach dem Scheiterhaufen auf dem Neuen Platz, alles zu scheitern. Es gibt keine Seide auf Gmtxt, was beim Fehlen von Raupen und Spinnentieren eigentlich auch nicht ver­wundern kann. Und all die vielen Fasern, die diese jahrtausende alte Kultur aus Land- und Wasserpflanzen gewann, hatte eines gemeinsam: sie verfügten nicht über die nötige Zugfestigkeit. Die Stoffe, die man aus ihnen fertigte, waren fantastisch. Und die riesigen Segel von Laverna sind äußerst robust. Weil sie doppelt gewebt werden, wie mir Chenje erklärte. Und das Wollgewebe sogar dreifach.

Nun ist es tatsächlich so, dass auch Fische ab einer gewissen Größe über Sehnen verfügen. Und mit viel Bestechungsgeld und guten Worten schaffte Lytkrey es, an solche zu kommen. Doch auch sie konnte man soviel zwirbeln, wie man wollte, null. Oder nada. Die Fortbewegung unter Wasser unterliegt einfach nicht den Belastungen, denen ein Landtier unterworfen ist.

Über Wochen plagte mich das Gefühl, dass die Lösung zum Greifen nahe läge. Tres favorisierte ohnehin die Speerschleudern. Kein Wunder – diese Idee ließ sich ganz ohne Frust­faktor verwirklichen und zeigte bald schon die schönsten Erfolge.

Nach katastrophalen Versuchen mit gedrehtem Frauenhaar schwand mein Interesse. Als letztes hörte ich davon, dass sie es mit Bronzedraht probierten. Der hielt natürlich, war jedoch viel zu schwer. Man konnte mit einem Pfeil, der von einer solchen Sehne abgeschossen wurde, durchaus jemanden töten. Doch war es angesichts der geringen Reichweite viel einfacher, den Feind gleich mit dem Messer abzustechen.

*

(etliche Nebenhandlungen weiter): So seltsam es klingt – seit Jahren hatte ich die hier üblichen kannibalistischen Praktiken verdrängt. Nun schien mir plötzlich, dass sie Lytkrey retten könnten. Ich beschloss, mich bei der Silberträgerin Tres rückzuversichern.

Seit den chaotischen Anfangstagen der Festung hatten sich die Soldatenunterkünfte sehr verändert. Eine Entwicklung, die mit Einführung der Uniformen längst noch nicht abgeschlossen war. Dahin, die Landknechtsidylle – in diesen Hallen herrschte nun Disziplin und Zackigkeit. Kasernenhofton und Grüßerei waren nachgerade ansteckend geworden.

Auf grauen Mauern prangte in doppelter Mannshöhe das gelbe Pentagramm auf rotem Grund. Den Genossen Lenin und Mao Zedong hätte das vermutlich außerordentlich gefallen. Doch nur ein Neuntel der in der Festung lebenden Seelen war fähig zu so einem Gedanken. Pioniere hatten schon vom Kommunismus gehört. Für die Sterblichen, selbst jenen, die den Sklavenjägern im Gebiet des früheren China ins Netz gingen, überwog die Erinnerung an einen gewissen Platz in Babylon. An Blut. Und für die Gem waren Rot und Gelb lediglich die jahrtausende alten Farben des Lytkrey-Clans. So würde es auch für all die Kinder sein, die mittlerweile durch die Säle, Zimmer und Gänge dieser Festung wuselten.

Einer der Mannschaftsgrade machte sich auf, für mich die Offizierin heranzuschaffen. Es stellte sich heraus, dass die Französin ihre dienstfreie Zeit damit verbrachte, im inneren Sicher­heitsbereich zu joggen – als sei die Festung noch nicht weitläufig genug.

Jedem das Seine, dachte ich mir. Zog mich ins Kasino zurück, um der Pionierin Gelegen­heit zu geben, sich zu duschen und umzukleiden. Mein alter Freund Etzel war mittlerweile aus dem aktiven Dienst ausgeschieden und hielt hier für Pdhyro-, Silber und Goldfasane Liköre, Bier, ausgesuchte Weine und Speisen vorrätig. Wir plauderten eine Weile am Tresen. Leider hatte der Mann eine ausgesprochene Sentimentalität entwickelt. Auch die geplatzten Äderchen in seinen Augen deuteten auf Alkoholerkrankung hin. Persönlich fand ich das unglaublich schade. Doch die Esar von Lytkrey durfte darin nur einen Kollateralschaden sehen.

Als Tres erschien, verzogen wir uns in die Ecke am Fenster. Ich erläuterte ihr meine Gedanken. Sie sah mich eine Weile an, wie vom Donner gerührt.

Selbstverständlich habe ich darüber auch schon nachgedacht“, flunkerte sie schließlich mit hochroten Ohren. „Immerhin habe ich einst Archäologie studiert… Da weiß man einfach, dass schon das Steppenvolk der Skythen mit großem Erfolg seine Bögen mit Sehnen bespannte, die es aus den Körpern seiner erschlagenen Feinde gewann.“

Ja, es ist alles schon mal dagewesen“, schmunzelte ich. „Begleitest du mich ins Kannibalenviertel?“

Muss erst den Dienstplan studieren… und mich bei meinen Vorgesetzten rückversichern.“

Gut, wenn sie so wollte… Dieses eine mal verzichtete ich darauf, meinen Status als Esar in die Waagschale zu werfen. Zwar war ich auf unbekannte Teile Dwinorayasnethas grundsätzlich immer noch neugierig. Andererseits erinnerte ich mich ungern an die Auseinandersetzung mit jener Straßengang. Kannibalen mochten wohlmöglich nicht nur zuschlagen und stechen, sondern auch beißen…

Nächster Tag, gleiche Zeit, selber Ort“, entschied ich.

Bei dieser Gelegenheit hörte ich nicht ungern, dass Oberbefehlshaber Than Pu mir dringend vom Besuch im Gerberviertel abriet, sei es auch, um Menschensehnen für die Bögen von Lytkrey zu besorgen.

Es soll dort grauenvoll zugehen. Die Gem-Kameraden meinen, dort befinde sich wahrlich der Arsch dieser Welt. In dessen Kot, Würmern gleich, die unterste Kaste der Unfreien wimmelt.“ Sie fuhr fort. „Alles, was du dort erreichen kannst, gewinnen wir schneller mit einer gut organi­sierten, verdeckten militärischen Operation.“

Wer trägt die Kosten?“

Tres hob die Augenbrauen: „Der Wehretat des Clans, selbstverständlich.“

Obwohl ich gar nicht wusste, dass Tom so etwas eingerichtet hatte, nickte ich mit großem Ernst: „Hast mich überredet.“

Die Treffen im Offizierskasino wurden zur Routine. Etzel reservierte uns den Tisch, machte jedoch, wann immer es seine Zeit erlaubte, lange Ohren hinter dem Trockenblumenbouquet.

Tres selbst legte mir gleich beim ersten Rapport einen förmlichen Schrieb in Gem-Haken vor: Than Pus Befehl, fertig zum Gegenzeichnen. Offensichtlich hatte hinter meinem Rücken die Bürokratie im Hause Lytkrey Einzug gehalten. Ansonsten schilderte mir die Pionierin ihre Eindrücke: die Einsatztruppe war erst zum äußersten Ring vorgestoßen, Billigschustern und Perückenknüpfern.

„Über dem ganzen Viertel liegt der Geruch von gebratenem Fleisch“, berichtete sie. „Mir lief das Wasser im Mund zusammen – bis ich mir klarmachte, von welchen Knochen dieses Filet geschnitten wird. Übrigens haben die alten Polynesier ihre Kannibalenmahlzeiten gerne als Langschwein bezeichnet… Es hieß damals, Japaner schmeckten angenehmer als Europäer…“

Ich winkte ab. „Zur Sache, Silberträgerin.“

„Sofort, Esar. Diese Leute hassen das Königshaus – und das ist gut für uns. Wir wissen schließlich selbst, wie es sich so anfühlt, als persönliches Eigentum behandelt zu werden. Wahr­scheinlich haben wir in diesen Menschenfressern die älteste Bevölkerungsstruktur des Planeten vor uns. Immer wieder übervorteilt, zusammengetreten, an den Rand gedrängt. Wenn es gegen die Dynastie geht, sind sie dabei. Sie essen dieses Fleisch nur, weil man ihnen keine andere Möglichkeit bietet, sich zu ernähren. Von Fisch und Brot träumen sie geradezu und sind leicht mit solchen Speisen zu ködern.“

„Ausgezeichnet. Wegtreten und Weitermachen.“ Noch im letzten Jahr hätte ich so etwas nur zum Spaß gesagt.

*

Am folgenden Tag drangen Tres und ihre sieben Krieger tiefer in den Anus Dwinorayasnethas vor. Fanden Kanäle vor, rot von Blut. Ein Labyrinth, in dem Arme und Beine an Fleischerhaken hingen, über offene Feuern, aus denen Schädel grinsten. Sie sahen Kinder, die an Fingerknochen lutschen, die nicht ihre eigenen waren. Den Terranern gelang es, lokalen Größen die Hände mit Lyar zu schmieren. Diese wiederum boten ihnen Schutz gegen ihre Kollegen: jener Sorte von Unterweltbossen, die direkt mit den Streitkräften des Königs zusammenarbeiteten. Man kam überein, das Gerücht zu verbreiten, dass auch Lytkrey nun nach Wegen suchte, auffälliger Leichen locker ledig zu werden. Doch je tiefer Tres zur Basis vorstieß, weiter empfohlen durch Mund-zu-Mund-Propaganda unter den Unfreien dort, desto offener konnte sie mit ihnen sprechen.

„Die Verhältnisse sind noch schlimmer, als ich dachte“, erzählte sie mir am dritten Tag. Wegen der Bedingungen, unter denen sie leben, könnten die Leute quasi nur untereinander heiraten. „Die meisten sterben jung, fast in jeder Familie tritt Kuru auf…“ Sie fuhr fort.

Die Menschen dort sind unglaublich hässlich. Gut genährt, doch oftmals völlig verwachsen… und wenn ihnen gesunde Kinder geboren werden, wohlmöglich gar ansehnliche, kommt Nogawe und nimmt sie ihnen weg.“ Obwohl die Pionierin immer in sauberer Uniform und gewaschenen Haaren zum Rapport erschien, schien sie mittlerweile einen Hauch Verwesung auszudünsten. Ich rümpfte die Nase.

Am fünften Tag nach meinem Gespräch mit Friedhelm brachte mir Tres endlich die Erfolgsmeldung: Grundmaterial für erste menschliche Bogensehnen war gewonnen worden. In Bottichen schwimmend, mussten sie noch ein Weilchen reifen, um später wirklich haltbar zu sein. Diese Zeit wollte die dunkelhaarige Pionierin darauf verwenden, mit einem bestimmten Familien­verband unfreier Abdecker und Gerber feste Geschäftsbeziehungen zu knüpfen.

Stell dir vor, Vera“, sagte Thérèse begeistert. Eindeutig, sie roch. „Die Gehirnmasse eines Menschen ist gerade groß genug, um damit seine gesamte Haut zu gerben.“

Was für eine unglaublich nützliche Information.

*

Es gab viel zu tun. Wochenlang hatten sich weder Tom noch ich um die unfreien Schreiner in unserer Mitte gekümmert. Nun, da es mit dem Bogenbau schnellstens vorangehen sollte, suchte ich den entsprechenden Teil der Festung auf. Längst hatte ich begonnen, die endlosen Gänge mit dem Fahrrad zu durchqueren. Wenn ich mit dem schweren Gerät Treppen überwinden musste, fluchte ich allerdings lästerlich. Doch gab es bei uns erfreulich viele Rampen, die von einem Stockwerk ins nächste führten. Da war die Abfahrt natürlich besonders rasant. Um entgegen­kommende Fußgänger zu warnen, hatte ich mir von Abdomiel eine Klingel basteln lassen.

Auch an jenem Tag erreichte ich unfallfrei Werksaal und Unterkünfte der Schreiner. Ihnen selbst ging es ausgezeichnet. Was jedoch nicht hieß, dass ich zufrieden war. Denn nur die Hälfte von ihnen fand sich bereit, sofort alles stehen und liegen zu lassen, ihre Zeichnungen heraus­zusuchen, um Bogen zu bauen und Pfeile zu schnitzen.

Freie Kost und Logis hatten dazu geführt, dass sich so mancher einen Dolch zugelegt hatte, den er mir nun stolz präsentierte. Immerhin waren diese Waffen innerhalb von Lytkrey nur halb so teuer wie in der Stadt. Mit dem Bau von Möbeln konnte ein findiger Familienvater in der Festung viel Geld verdienen. Bretter und Balken wurden aus Toms Holzvorräten gewonnen.

Schamlose Diebe“, schimpfte ich, als ich meinem Esra Bericht erstattete. „Nur an die Osage-Stämme sind sie nicht herangekommen. Die lagern immer noch in der Kaserne.“

Tom lehnte sich zurück, lachte herzlich. Die Goldaufschläge seiner Jacke schimmerten im Nachmittagslicht. Als Pionier auf ewig unveränderlich, sah man ihm dennoch die Last der Ver­antwortung an.

Stuart fasste sich wieder: „Tja, damit haben wir die Besten verloren, soviel ist mal klar. Also fangen wir wieder von vorne an.“ Gemeinsam beratschlagten wir eine Weile, was wir mit den frischgebackenen Messern machen sollten. Schließlich konnten wir uns nicht von ihnen auf dem Kopf herumtanzen lassen.

Sie müssen den Saal verlassen. Und das Werkzeug bleibt da“, beharrte ich.

Haben wir denn noch Platz?“ Tom wischte Lachtränen aus den Augen. „Hätte nie gedacht, dass ich das einmal fragen würde.“

Ich nickte. „Nach meiner bescheidenen Kenntnis passen noch ein paar tausend hier hinein. Bieten wir unseren freien Schreinern einen kleinen Anreiz und siedeln sie in eine der dachlosen Ruinen um. Mietfrei.“

Bist du nicht ziemlich hart, Vera?“

Ich hob die Schultern. Mein Ärger war schon wieder verraucht. „Wieso, es friert doch nicht… Natürlich mag ich sie. Doch wir benötigen Leute, die für uns Bogen anfertigen. Da sich die neuen Messer zu schade dafür sind, müssen wir uns andere Schreiner kaufen. Vielleicht sollten wir die in Zukunft knapper halten.“

Tom und ich sahen uns an, schüttelten unabhängig voneinander den Kopf. „Nee.“

Aber die Freien müssen sich selbst ernähren. Das tun die Terraner schließlich auch.“

Ohne Werkzeuge können sie das nicht“, meinte Stuart. „Doch ein Haus ohne Dach ist kein übler Vorschlag. Als Heimwerkerprojekt. Außerdem schwebt mir vor, hier im Allerheiligsten ein feierliches Essen zu veranstalten, um sie in den Clan aufzunehmen. James“, er schnippte mit den Fingern, „sprich bitte nachher mit Voesery darüber. Soll er den Vorsitz übernehmen und sie mit seinem grimmigen Charme beeindrucken.“

Der Blutsbruder lehnte sich zurück, formte wieder einmal die Pyramide mit den Händen. Seine Augen blitzten. „Ich denke, wir werden für den Saal neues Werkzeug kommen lassen. Das Gebrauchte verteilen wir unter die Neubürger – immer vorausgesetzt, sie stellen uns pro Familie einen Soldaten.“

Gute Idee.“ Ausnahmsweise verbeugte ich mich schwungvoll vor meinem Esra. In meinem Kampfanzug sah das vermutlich zackig aus. Vor der Tür sprang ich wieder in den Sattel des Fahrrads.

*

Geeignete Äste oder Längsrichtung gespaltene Stämme bilden das Rohmaterial für die Herstellung eines Langbogens. Um den Rücken herzustellen, die vom Schützen abgewandte Seite, muss ein kompletter Jahresring erhalten werden. Die dem Schützen zugewandte Bauchseite besteht aus Kernholz. Sie wird vorsichtig gleichmäßig ausgedünnt, bis sich eine gleichmäßige Biegung ohne Knicke oder steife Regionen ergibt. Das nennt man „tillern“ in der Fachsprache. Immer wieder hatte ich zugesehen, wie Tom sich über Werkbänke beugte und diese Dinge ungewaschenen, da just neu gekauften, Unfreien erklärte.

Nun standen wir hier, so tief in der Festung und so weit von unseren Verbündeten entfernt wie möglich, er und ich und Voesery, umgeben von allen Offizieren der Haustruppe. Der lang­gestreckte Saal hatte keine Fenster. Im unsteten Fackellicht beugte Thomas Stuart sein Knie und legte die Sehne an den Bogen. Bevor er sich wieder erhob, erwies er ihr eine kurze Referenz. Das war es, was Merlins Neffe allen Schützen empfahl: zu einem Einverständnis mit dem Toten zu gelangen, dessen Opfer die Waffe erst möglich machte. Im Kampfgetümmel würde Meditation allerdings nicht möglich sein. Deshalb sollte jeder Schütze seinem Bogen einen Namen geben und ihn in allen seinen Teilen stets pfleglich behandeln.

Tom richtete sich mit einer geschmeidigen Bewegung auf. Die enge rote Hose. Das weiße, halsferne Hemd. Goldene Haut. Lateinische Farben. Vielleicht raunte Tres deshalb „Sagittarius“.

Später übersetzte sie mir dieses Wort. Murmelte etwas von lang vermissten Sternbildern des Heimatplaneten. Dabei hatte ich längst durchschaut, dass sie sich in Thomas Stuart verknallt hatte – zu ihrem eigenen Pech. Tres war bildschön und jung. Sie roch schon lange nicht mehr nach verseuchten Stadtvierteln, denn der Handel mit Sehnen lief mittlerweile von selbst. Lytkrey zahlte bar oder mit Fisch, was immer gewünscht wurde. Und manchmal nahmen wir auch Kinder auf, die vor Nogawe in Sicherheit gebracht werden sollten.

Für ihre Verdienste war die in Frankreich geborene Pionierin zum Goldfasan befördert worden. Zu mehr sollte es zwischen Tom und ihr niemals kommen. Ich weiß nicht, wie ihm das gelang. Oder warum er sich so entschieden hatte. Doch nach allem, was ich weiß, lebte Stuart in diesen Tagen zölibatär.

Während ich noch über unsere unterschiedlichen Temperamente nachsann, legte Stuart den Pfeil an. Peinlicherweise waren wir erst nach wochenlangen Experimenten auf die Idee gekommen, die Pfeile mit genau der Farnart zu befiedern, die im Schatten von Osage-Hainen wächst.

Endlich spannte Tom der Reimer den Bogen, genauso lang wie er selbst. Die Sehne sirrte. Schnell wie ein Vogel schoss der geschnitzte Stab über die ganze Länge des Saales. Schlug krachend in die dicke, geflochtene Strohscheibe, die von hier aus nicht größer schien als meine Hand. Direkt in die Mitte. Volltreffer.

*

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.